Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Antisemitismus in der Schule
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 258 (sequence 4)
- Language
- German
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258 Im deutschen Reich. Sehen Sie, m. V., das war die Kehrseite der Ideologie. Wer uns nicht kennt, der schwärmt für uns oder beschimpft uns, HM uns für Engel oder für Teufel, wer uns, das heißt nicht den und jenen, sondern die Juden nähen kennt, der weiß, daß wir weder das eine noch das andere sind, sondern Menschen, die es schmerzlich empfinden, wenn man uns schon als Kindern mit Vorurteil und Abneigung begegnet. Aber, m. H., ich will nicht nur von der Krankheit sprechen, lonbern auch von ihrer Heilung, ich will den Weg mit Ihnen suchen, der zu einer Besserung — vielleicht einmal zu einer Genesung führt. Was haben wir zu tum um dem Antisemitismus von Lehrern entgegenzuwirken?, das ist die Frage, die wir jetzt beantworten wollen. Da möchte ich zunächst zur Besonnenheit und zum Takte mahnen. Wer kennt nicht die jüdischen Väter und zärtlichen Mütter, die bei jedem Mißerfolg ihres Sprößlings in der Schule Antisemitismus des Lehrers wittern. Es ist Pflicht der Verbände, die sich die Bekämpfung des Antisemitismus zur Aufgabe gemacht haben, das Gewissen der Glaubensgenossen zu schärfen, daß sie nicht unbedenklich diejenigen mit dem Makel des Antisemitismus belegen, mit denen sie persönlich unangenehme Erfahrungen gemacht haben, etwa die Lehrer, die nur nach Pflicht und Gewissen gegen jüdische Schüler gehandelt haben. Wir wollen unsern Kampf für eine gute Sache nicht evrquickt haben mit persönlichen Rankünen. Wir verbitten uns, daß einer unserer Glaubensgenossen das böse Wort „Antisemit" gebraucht, wo er nicht dazu berechtigt ist. Kommt aber wirklicher Antisemitismus des Lehrers vor, dann ist energisches Vorgehen sittliche Pflicht. Schwinden muß vor allem jene feige, engherzige Ausrede: dann könnte der Lehrer nachher dem Kinde aufsässig werden. Aach meiner Erfahrung existiert diese Aufsässigkeit größtenteils mehr in der Einbildung des Kindes und in der kleinlichen Auffassung der Eltern als in der Wirklichkeit. Aber auch wenn es wahr wäre, so sage ich: Wohlan laßt eure Kinder auch einmal Anannehmlichkeiten ertragen um ihrer Ehre willen, um ihres Judentums willen; denn nur das ist uns groß und teuer und heilig, für das wir gelitten und Opfer gebracht haben. Aichtswürdig ist die Gemeinschaft, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre. Es ist eine Streitfrage) welcher Weg des Vorgehens und der Beschwerde im einzelnen Falle zu beschreiten ist, ob die Eltern oder der Centralverein Vorgehen soll. Wenn ich meine persönliche Meinung äußern soll, so möchte ich folgendes sagen: Bei antisemitischen Entgleisungen, die keinen prinzipiellen Antisemitismus zum Ausdruck bringen, halte ich >es für richtig, daß sich die betroffenen Eltern selbst beschweren. Da aber diese den Fall zu sehr aus der Aähe und darum nicht richtig sehen, ihn entweder zu kraß oder zu milde beurteilen, so empfehlen wir, sich in jedem Falle von dem Vorstand der Ortsgruppe des Centralvereins beraten zu lassen. Kommt jedoch prinzipieller Antisemitismus, der sich vielleicht nicht einmal gegen einzelne richtet, sondern der Gesamtheit gilt, zum Ausdruck, dann ist ein Vorgehen des Centralvereins angebracht. Aber richtiger als die Behandlung dieser Einzelfälle erscheint mir die Hauptfrage: Was können wir tun gegen jenen Antisemitismus, der aus ideologischem Rassenfanatismus entstand und durch Verkehr mit Juden nicht korrigiert wurde, was können wir dagegen Lun, daß nicht der Antisemitismus ein Stück der Weltanschauung vieler Lehrer und dadurch ihrer Schüler werde. M. H.! Daß wir durch geeignete wissenschaftliche Literatur aufklärend wirken müssen, ist ja . eine selbstverständliche Forderung. Schwerer aber ist die