Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Antisemitismus in der Schule
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 257 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Antisemitismus in der Schule. 257 urteile gegen dieselben sind. Unb ist es nicht schon das Elternhaus, dann ist es das akademische Verbindungsleben, die Zugehörigkeit zum Verein deutschem Studenten oder einer anderen antisemitischen Verbindung, die ihn mit Stolz auf sein Deutschtum und mit Verachtung gegen Juden und Judentum erfüllt. Der also vorgebildete Lehrer tritt nun ins Amt. Sein Unterricht soll in Einklang stehen mit den bestehenden staatlichen und religiösen Ordnungen. Aber — ich glaube diese psychologische Bemerkung machen zu dürfen — nach irgendeiner Richtung verhält sich der Mensch negierend, oppositionell. Es findet daher die Seele des Lehrers ihr Oppositionsbedürfnis befriedigt in der ablehnenden Kritik, die man an der Religion oder Rasse oder wirtschaftlichen Stellung des Volksteils übt, den man auch heute noch ungestraft angreifen zu dürfen glaubt. Und wenn solche Gesinnung gar durch deutsche Männer wie Treitschke, Ehamberlain, Schopenhauer, Richard Wagner, Deußen, Paul de Lagarde, einen wissenschaftlichen Anstrich erhält, dann glaubt man, Antisemitismus sei ein Stück Weltanschauung, deutscher Weltanschauung, der sich kein deutscher Lehrer zu schämen habe. Vergessen ist, daß außer den genannten Männern auch der Name Lessing einmal etwas in der deutschen Literatur bedeutete. Daß der Nathandichter der Schöpfer einer deutschen Rationalliteratur wurde, ist eine unbequeme geschichtliche Tatsache; beim Unterricht sucht man über seine judenfreundlichen Dramen dadurch hinwegzukommen, daß man sagt, es habe damals an einem starken deutschen Nationalbewußtsein gefehlt, sein ganzes Zeitalter sei durch seichten Rationalismus und Kosmopolitismus angekränkelt; oder man macht mit Kuno Fischer einen Salto mortale und sagt, gerade weil die Juden am intolerantesten seien, wollte der Dichter einen herausheben über seine Glaubensgenossen und ihn zum Prediger der Duldung machen und dadurch um so wirksamer die im unduldsamsten Volke mögliche Duldung verkünden. So wird heute Lessings Nathan interpretiert. Wo aber fände sich der Lehrer, der an ihn anknüpfend ein warmes Wort religiöser Duldung spräche, einer Duldung, die über die beiden Konfessionen hinausgreift? M. H.! Sie werden sagen, von Ehamberlain und anderen Germanomanen ftrtib nicht nur die Lehrer beeinflußt, sondern auch andere Kreise, besonders die akademisch gebildeten. Wird nicht der Mediziner, der Jurist und auch der Landwirt und Kaufmann alldeutsche, antisemitische Literatur lesen? Wirkt sie auf ihn nicht in gleicher Weise? Ich antworte: Doch nicht ganz so! Bei den Angehörigen anderer Berufe wird das Anteil über die Juden korrigiert durch das Leben selbst. Der Kaufmann und der Jurist erfahren in ihrer Praxis, daß es jüdische Betrüger gibt, aber auch nichtsüdische, daß es jüdische und nichtjüdische ehrenhafte Menschen gibt; das Leben, ihr Beruf führt sie mit Juden zusammen, und sie haben Gelegenheit, sich selbst ein Arteil über sie zu bilden. Gerade das, m. V., ist bei dem Lehrer oft nicht der Fall. Das Leben bringt die meisten mit Juden in keinen oder nur in oberflächlichen Verkehr, und daher bleibt sein nur aus der Theorie geschöpftes, ideologisches Urteil über die Juden, das heißt Vorurteil gegen die Juden bestehen. Im 17. Jahrhundert, vor der Wiederaufnahme der Juden in England, nachdem man vier Jahrhunderte dort keinen Juden gesehen hatte, haben gewisse christliche Schwärmer und Träumer sich das Bild eines Juden nach der Bibel konstruiert. Mit Aeberschwall schwärmten sie für die Juden. In ihren Schriften sagten sie, das Heil komme von den Juden und bald werde jeder glücklich sein, den Saum des Gewandes, das ein Jude trage, anfassen zu dürfen»