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Im deutschen Reich · 1913-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1913) · p. 256

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1913)
Article
Antisemitismus in der Schule
Date
1913-05-01
Page
256 (sequence 2)
Language
German
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256 Im deutschen Reich. veraltet, daß es nicht lohnte, auch nur einmal gehört oder gelesen zu werden. Aber leider ist dem nicht so. Ich habe mir vorgestern die Akten des Centralvereins über diese Frage angesehen und fand, daß im Zeitraum vom 11. Januar bis 6. März 1913 unsere Vereinsleitung allein acht Fälle beschäftigten, die in dieses Kapitel gehören, und diese Fälle sind zufällig gerade im Westen vorgekommen, und zwar in Straßburg, Siegburg, Rheydt, Hachenburg, Hoerste bei Oeynhausen, Hagen, Herford, Gießen. Diese Fälle hier ausführlich vorzutragen, betrachte ich nicht als meine Aufgabe. Sie wiederholen sich ständig wie im Westen, so im Osten und selbst in Berlin. Weit schlimmer als diese Fälle, die nicht einmal immer der Ausfluß eines zielbewußten Antisemitismus sind, erscheint mir die dem Judentum unfreundliche Gesinnung eines großen Teiles der akademisch gebildeten Lehrer, besonders der jüngeren Generation, die sich bewußt und unbewußt auf die Schüler überträgt und bei vielen fürs ganze Leben haften bleibt. Es gilt also, den Gründen nachzugehen, die die Lehrer zum Antisemitismus führen oder sie mit Vorurteilen gegen Juden und Judentum erfüllen. Aber nicht nur der Lehrer, auch der Lehr- und Lesestoff der Schule erheischt unsere ernsteste Beachtung, da naturgemäß auch durch diesen, besonders durch gewisse Schulbibliotheksbücher, der Antisemitismus in den jungen Seelen Platz greift, eine Kluft schafft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Kindern, die das Leben dann nur selten überbrückt, häufiger aber erweitert und vertieft. Wenn wir den Finger einmal in diese Wunde des deutschen Volkslebens legen, dann sind nicht w ir es, die die konfessionellen Gegensätze schon bei der Jugend betonen, wir schaffen ja nicht diesen Gegensatz, wir betrauern ihn vielmehr aufs tiefste, aber es hilft nichts, ihn zu verschweigen, sondern nur das eine hilft, ihn klar erkennen und ihn überbrücken in Gemeinschaft mit allen denen, die den schon in der Schule bewußt gepflegten konfessionellen Haß als ein Anglück für das deutsche Volk betrachten. Bei meinen Ausführungen halte ich mich größtenteils an die höheren Schulen für.die männliche Jugend in Preußen; das, was ich zu sagen habe, wird aber wohl größtenteils auch für andere- Schulen zutreffend sein. M. V.! Entgleisungen der Lehrer, hänselnde oder spöttische Bemerkungen gegenüber jüdischen Schülern hat es stets gegeben, aber nie war der Antisemitismus so tief verankert in der Gesinnung von Lehrern, wie das heute vielfach der Fall ist. Die Schüler aber, die nicht nur jede Kleinigkeit im äußeren Auftreten des Lehrers scharf beobachten, die auch die feinste Witterung für das Innenleben des Lehrers haben, lassen sich von solcher Gesinnung beeinflussen und fühlen es heraus, daß ihr etwaiges unfreundliches Verhalten gegenüber jüdischen Schülern von dem Lehrer im Grunde seines Herzens gebilligt wird. Was hat das ungünstige Urteil über Juden und Judentum bei dem Lehrer erzeugt? Run, der Lehrer hat vielleicht selbst noch z!u den Füßen eines Treitschke gesessen, er hat ihn bestimmt gelesen und neben der deutschen Gesinnung, die er von ihm empfangen, auch von ihm gelernt, daß die Juden das Anglück Deutschlands seien. Er liest Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts, und er läßt es sich gern gefallen, wenn der Geist der Germanen als die Blüte des Menschengeschlechtes gepriesen wird, die Juden aber als minderwertige Mischrasse bezeichnet werden. Mehr aber noch als das akademische Studium wirkt auf die Gesinnung des Menschen das Milieu, aus dem er hervorgeht und in welchem er sich in der Zeit der Charakterbildung bewegt. Run kommt der Lehrer oft aus jenen kleinbürgerlichen oder Veamtenkreisen, die wenig mit Inden in Berührung kommen und daher voller Vor-

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