Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Diskussion
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 230 (sequence 7)
- Language
- German
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230 Im deutschsn Reich, der Welt leben, und da jeder Zionist früher es als selbstverständlich bezeichnet hat, daß von den westeuropäischen Juden sich nur jein winziger Teil dazu wird entschließen können, sich dieser Siedlung aktiv anzugliedern, so ist es selbstverständlich, daß auch für die Zionisten die deutsche Iudenfrage zu lösen übrig bleibt und daß insoweit die Zionisten mit uns arbeiten können. So lange diese Verhältnisse auf jener Seite bestehen blieben, sind wir — das glaube ich mit absoluter Sicherheit sagen zu können — völlig neutral gewesen. Allerdings ist unsere Neutralität nicht soweit gegangen, daß wir unsern Mitgliedern gesagt hätten, sie dürften nicht Zionisten oder Äntizionisten sein. Genau so wie wir die Zionisten unter unseren Mitgliedern nach ihrer Reöerzeugung handeln und propagieren ließen, genau so mußten wir unseren anderen Mitgliedern auch das Eintreten für ihre Aeberzeugung freistellen. 'Nur gegen das Verlangen, eine antizionistische Propaganda der einzelnen Mitglieder bei uns zu unterdrücken, haben wir uns ablehnend verhalten. Wir haben wiederholt energisch Stellung genommen auch gegen — ich finde kein passenderes Wort dafür — das politische Änreißerturn, das dahin ging, daß man die von uns zu Propagandazwecken für den Centralverein einiberufenen Versammlungen mißbrauchte, um dort seine eigenen politischen Geschäfte zu machen. (Sehr richtig!) Die Dinge haben sich aber geändert, völlig geändert, seitdem man auf zionistischer Seite eingesehen hat, daß die Mitarbeit der Westeuropäer, unentbehrlich wegen ihres Geldes, vor allem aber wegen ihrer Intelligenz, nicht in ausreichendem Maße gewonnen wurde, und da tauchte nun der Gedanke auf, doch die Dinge einmal anders zu beleuchten und anzufassen. Herr Professor ör. Lewin sagte: Ich persönlich bin Pessimist, ich glaube nicht, daß in Westeuropa oder in irgendeiner anderen rechLsstaatlichen KulLurnaLion die Dinge sich anders gestalten werden, und das ist auch die weitest verbreitete Lesart des Zionismus. Aber, meine verehrten Herren, die neuere Tonart lautet ganz anders. In dem von der Zionistischen Vereinigung verbreiteten Buche von Ruppin, „Die Juden der Gegenwart^, wird ausgeführt: Die Westeuropäer können mit Sicherheit auf die volle Gleichberechtigung rechnen. Derartige soziale Kämpfe finden zwar erst nach längerem Ringen, ihren siegreichen Abschluß. Aber wenn das Verlangen nach völliger Gleichstellung innerlich berechtigt sei — und das sei zweifellos bei den westlichen Juden der Fall —, dann könne der Sieg nicht ausbleiben. Das lehre die Geschichte. Der Kampf der Plebejer in Rom um das connubium und commercium mit den Patriziern sei ebenso erfolgreich gewesen wie die Kastorengänger, die in den mittelalterlichen Stadtrepnbliken von den entrechteten Ständen gemacht wurden, um die Teilnahme fern Stadtregiment zu erlangen. Diese Entwicklung nun, die er als unausbleiblich ansieht, fürchtet Ruppin, weil er darin eine Gefahr für den Bestand des Judentums sieht. And daran wird die Bemerkung angereiht, daß der Antisemitismus der stärkste Agitator des Zionismus ist, und daß der Niedergang des Antisemitismus in Westeuropa auch einen Niedergang des Zionismus in Westeuropa zur Folge haben würde. Aus einer anderen Seite des Buches findet sich der von mir nach dem Gedächtnis zitierte Satz: Das, was der Sozialdemokrat Bernstein für seine Partei gesagt hat, gilt auch für den Zionismus, nämlich: „Das Endziel ist uns nichts, die Bewegung alles.u Daraus, meine Herren, ergeben sich praktische Konsequenzen, die gezogen worden sind auf dem offiziellen Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung, der zu Pfingsten 1912 in Posen stattgefunden hat. Ich gebe Herrn