Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Diskussion
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 226 (sequence 3)
- Language
- German
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226 Im deutschen Reich. danach gegangen wäre, was wir betonen und was wir gefühlt haben, dann wäre die Frage des Zionismus bei uns kaum akut geworden. Aber wenn man vorurteilslos, d. h. nicht bloß daraufhin, ob es antisemitisch ist, die Meinung unserer deutschen Mitbürger betrachtet und sieht, wie alle unsere Versicherungen, die aus tiefstem Herzen kommen, die wir gar nicht anders abgeben konnten, ausgenommen worden sind, wie es ein Irrtum ist, wenn man glaubt, daß wir etwa minderen Rechtes sind, weil wir anderen Glaubens sind; wenn man das alles erwägt, dann sieht man doch, daß noch andere Differenzpunkte sie von uns trennt. Ich habe erst kürzlich mit einem bekannten Chirurgen hier in Berlin, einem sehr geistvollen Manne, der auch in der Literatur eine Rolle spielt, über diese Dinge gesprochen. Cr weist es weit von sich, Antisemit zu sein, und das glaube ich ihm, er ist auch kein Antisemit. Aber wenn er von Juden und Deutschen spricht, dann ist es selbstverständlich, daß er von einer anderen Gemeinschaft spricht, die nicht bloß religiös von den Deutschen getrennt ist, sondern daß es da noch anders Trennungsmomente gibt. Darum muß man es verstehen, wenn ein Teil der deutschen Juden, denen das immer wieder zum Bewußtsein gebracht wird, allmählich auch zu Konsequenzen kommen, die vielen von uns nicht behaglich sein mögen und gegen die wir uns ja auch selbst schmerzlich lange genug gewehrt haben, die man aber doch erklären kann, wenn man berücksichtigt, was im Laufe der Jahre geworden ist und die Dinge nunmehr so gestaltet hat, daß es nach der Ansicht vieler nicht mehr gut verändert werden kann. Sie sagen nun, und Herr Geheimrat Fuchs hat das ja auch ausgeführt, er huldigt dem Optimismus, daß Wahrheit und Gerechtigkeit doch allmählich den Sieg davontragen werden, daß sich das deutsche Volk von solchen Anschauungen freimachen wird. (Sehr richtig!) Wer so optimistisch ist, den beneide ich um seinen Optimismus. Ich selbst aber habe'noch immer gefunden, daß Wahrheit und Gerechtigkeit noch nirgends tmiäamsntum regiiorum gewesen sind (Widerspruch), nirgends, denn man wird das Recht und das, was man Gerechtigkeit nennt, immer so zu gestalten wissen, wie man es nach den wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen nötig hat. (Widerspruch.) Das mag falsch sein, ich trage ja auch nur meine Meinung vor, und ich sage das nur, zur Begründung der Psychologie derer, die das jüdische Rationalgefühl, wie viele von Ihnen glauben, überspannen. Wir wollen nun, wie das bereits betont worden ist, von Aeußerungen einzelner wirklich absehen, es sind Entgleisungen auf dieser und jener Seite, die mit dem Grund der Dinge doch herzlich wenig zu tun haben. Aber noch einmal unterstreichen möchte ich das, was auch Herr Geheimrat Fuchs angeführt hat und was aus der ersten Zionistendersammlung, die ich hier gehört habe, der verstorbene Hirsch Hildesheimer gesagt hat: „Was wir für das Judentum für notwendig und gut halten, das müssen wir tun und beschließen nur mit Rücksicht auf das Judentum, und von dem, was andere von uns denken und sagen, müssen wir, so leid es uns tut, vollkommen absehen. Wir haben nur das zu tun, was wir für das Judentum für gut und richtig halten." Deshalb darf man uns nicht damit kommen, daß man Aeußerungen der antisemitischen Presse als Grund für irgendwelche Stellungnahme in jüdischen Fragen nimmt. Das kann niemals für uns maßgebend sein, denn die antisemitische Presse hat ihre Gründe gehabt, lange bevor es einen Zionismus gab, und wird weiter Gründe haben, wenn sich auch alles anders gestalten sollte, als wir oder Sie glauben. Run ist mit Recht betont worden, wir können und dürfen der Meinung sein, daß unsere Anschauungen über das Judentum mit dem, was