Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1913-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1913) · p. 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1913)
Article
Vortrag des Herrn Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Berlin
Date
1913-05-01
Page
222 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316829-2316834-2347160--23522-2347262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

222 Im deutschen Reich. bin ein Freidenker. Wer da sagt, wenn man ihn fragt: was bist du deinem Bekenntnis nach? „Ich bin ein Jude," der gehört zu uns. Ich möchte die Formel, wenn ich sie heute prägen könnte, so fassen: „Wir sind ein Centralverein jüdischer D eutsche t“ (Bravo!) Roch ein Wort: Die Zionisten wollen,. daß Palästina nicht bloß eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte sei, um den entrechteten Juden des Ostens ein Heim zu geben, sondern der Iudenstaat soll auch Vorbild für die Juden des Westens sein, solle dem jüdischen Geist einen Resonanzboden geben, der besser sei als der Boden unseres Vaterlandes. Was für das jüdische Volk der Iudenstaat, sei für die jüdische Kultur der Sprung in die neuhebräische Literatur. Sie finden diesen Gedanken besonders ausgedrückt in der Abhandlung, die Goldstein in dem „Kunstwort" veröffentlicht hat. Er meint, daß wir hier als Juden keinen Resonanzboden fänden, daß Eulenberg und die anderen Christen z. B. ganz anders bejubelt werden als Heine, Liebermann und Hoffmannsthal, daß wir uns deshalb die Liebe zum Vaterland aus dem Herzen reißen müßten, daß uns nur retten könne ein Sprung in die neue hebräische Literatur und in den politischen Iudenstaat. Der Iudenstaat und die öffentlich-rechtliche Heimstätte mag notwendig sein für die Juden des Ostens. Wer, wie die russischen Juden, kein Vaterland hat, wer, wie die Rumänen und die Ruthenen und die Balkanvölker, die Juden nicht als Menschen, sondern als Steuerobjekte betrachtet, sie aussaugt, sie in Pogromen niedermetzelt, der kann nicht verlangen, daß die Juden Vaterlandsliebe haben, der treibt sie in ein neues Vaterland) das ihnen eine Heimat werden soll*). Aber die Sache ist für die Juden des Ostens und des Westens verschieden. Wir haben eine Heimat, wir wollen in dieser Heimat kämpfen für die Gleichberechtigung, nicht deshalb bloß, damit wir Amtsrichter und Professoren und Staatsanwälte und Landgerichtsdirektoren werden können, sondern wir wollen kgmpfen dafür, weil es für unsere Religion ein entehrender Gedanke ist, daß wir um unserer Religion willen minderwertig seien, kurulische Aemter zu bekleiden. (Bravo!) Wir kämpfen dafür, daß der Genuß der staatsbürgerlichen Rechte unabhängig sei von dem religiösen Bekenntnis, und rechnen, daß die Zeit kommen wird, wo jeder an seinem Glauben festhält und nicht danach gefragt wird, wes Glaubens er ist, so wenig gefragt wird, wie danach, ob er liberal oder orthodox, Klassiker oder Romantiker, Optimist oder Pessimist, Monist oder Dualist ist. Wir kämpfen um die volle Gleichberechtigung unserer jüdischen Religion. Meine Damen und Herren! Der Iudenstaat kann uns nicht Vorbild sein. Wenn Goldstein meint, wir fänden hier nicht den Resonanzboden, und doch wären wir die Verwalter des geistigen Besitzes des deutschen Volkes, so sind das Aebertreibungen, die nur böses Blut machen. (Sehr richtig!) Ob Liebermann und Hoffmannsthal den Resonanzboden finden, das hängt nach meiner Auffassung gar nicht mit Juden und Richtjuden, Semiten und Antisemiten zusammen, das hängt vom Temperament und Geschmack ab. Gewiß, eins hat mich mit tiefstem Schmerz erfüllt, das ist die Bewertung Heines seitens der Stockantisemiten. Aber ich sage, diejenigen, die Heine den Dichterkranz von der Stirn reißen wollen, kompromittieren sich *) Dieser Satz, der übrigens auch mißverstanden worden ist, hat zu der Behauptung Anlaß gegeben, Herr Geheimrat Fuchs stehe auf dem Standpunkte: udi bene, ibi patria! Man findet denselben Gedanken ausführlicher dargelegt bei dem bekannten zionistischen Autor Max Rordau.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.