Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Vortrag des Herrn Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Berlin
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 220 (sequence 7)
- Language
- German
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220 Im deutschen Reich. ob ich deutsch sein will oder nicht. (Lebhaftes Bravo!) Ob die Herren, die in Posen Szumann oder Schumann heißen., Polen oder Deutsche sind, ob die Verdy du Vernois, Gontards, Veringuier, die vor einem Jahrhundert nach Deutschland eingewandert sind, heute noch Franzosen oder Deutsche sind, hängt heute von ihrem Willen ab. (Sehr richtig!) Run habe ich in meinem ganzen Leben mich immer als Deutscher gefühlt und bin, ehe die antisemitische Bewegung kam und der Zionismus erstand, gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß ich eine andere Rationalität als meine andersgläubigen Mitbürger habe. Das Bewußtsein, daß ich eine andere Religion habe, ist mir früh zu Gemüte geführt worden, schon als Knabe, wo wir als Kinder der jüdischen Elementarschule mit katholischen und evangelischen Kindern Religionskriege führten. Daß wir Iudenjungen aber nicht national-deutsch seien, haben wir auf der Schule nicht gewußt, und erst recht nicht auf der Aniversität. (Sehrrichtig!) Rls die antisemitische Bewegung erstand, habe ich mich mit Bewußtsein und Stolz als Jude bekannt. Mit Bewußtsein deutsch zu werden, brauchte ich nicht, weil ich das im Gefühl hatte. (Lebhafter Beifall.) Bei mir liegen die Dinge daher so, daß ich mir nicht ein deutsches ^rationalbewußtsein erst einzureden brauche — Chauvinist bin ich weiß Gott auch nicht —, sondern ich müßte mir geradezu das jüdische Nationalbewußtsein direkt erst einreden. (Bravo!) Amd nun frage ich: Ist es notwendig, daß ich mir dies jüdische Rationalbewußtsein einrede? Ist es notwendig um des Judentums wegen? Ich sage nein. Ich mag und brauche kein jüdisches Rationalbewußtsein; denn die seelischen Werte des Judentums liegen für mich nicht in der Rationalität; die seelischen Werte des Judentums liegen für mich in seiner Religion, seinem Schrifttum, seiner Geschichte als Religionsgemeinschaft. Ich habe von den staatlichen und nationalen Laten großer^Iudenkönige verflucht wenig gelernt und behalten; für mich sind ^alomon und David nicht die großen Staatslenker, sondern sie sind die göttlichen Sänger. (Bravo!) Sie sind die Religionsfürsten. So stolz ich auf Judas Maccabäus bin, die seelischen Werte des Judentums liegen für mich nicht in dem Iudenstaat, seiner Bedeutung als Volk und Ration, seinem Kampfe gegen Rom, sondern sie liegen in den Propheten und in dem, was die Propheten der Welt gegeben haben. (Lebhafter Beifall.) Wir haben es nicht nötig, unser Judentum auf eine nationale Grundlage zurückzurevidieren, und ich will es auch nicht, weil ich das im letzten Grunde der Dinge für das Judentum mehr für schädlich als für nützlich halte. Staaten kommen und vergehen. Rom ist untergegangen und das heilige römische Reichs auch Juda ist untergegangen als Staat, aber in der Diaspora ist durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der jüdische Gedanke, der Schriftgedanke der Lhora ewig geblieben und wird ewig sein. Weshalb sollen wir da noch einmal einen nationalen Staat gründen, um ewige seelische Werte zu erhalten. (Bravo!) Glauben Sie, wenn in Saloniki ein Königreich errichtet wird daß das die jüdischen Werte irgendwie verbessern wird? (Zuruf: Im Gegenteil!) ^Mag sein. Ich bedarf des jüdischen Staates nicht. Ich sehe eine Gefahr in der Rebertreibung des Rationalgedankens und lasse den jüdischen Gemeinschaftsgedanken nur gelten als Stammesgedanken in idem Sinne, ' wie Oppenheimer, ein in der zionistischen Bewegung sehr angesehener Mann, das getan hat. Das Judentum mag einst eine Nation, ein Volk g e w e s e n . sein, heute sind die Juden des Westens nur eine religiöse und soziale Gruppierung im Staat, kein Volk im Staat, ein Stamm in der Nation, keine Ration. Ich sage, es ist eine Gefahr, die die