Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Vortrag des Herrn Professor Dr. Falkenheim, Königsberg
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 203 (sequence 3)
- Language
- German
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Scnfrafeereilt unb Zionismus. >:i Not intb Elend ihrer anderen Ländern zugehörigen Glaubens- und Stammesgenossen mitfühlen und zu lindern streben, vermindert ihren Wert als Staatsbürger nicht, denn trotz alles Stammesgesühls sind sie Deutsche, wollen sie Deutsche sein. Sie haben, um mit Oppenheimer zu reden, jüdisches Stammes- und deutsches Volksbewußtsein. Für diese deutschen Juden, von denen jetzt die Rede ist, war die politische Nolle des jüdischen Volkes als Volk mit der Zerstörung des zweiten Tempels ausgespielt. Das Judentum blieb erhalten. Als der Fall Jerusalems und die Zerstörung des Tempels unvermeidlich geworden war und sich Rabbi Iochanan Ben Sakkai im Sarge aus Jerusalem hinaustragen ließ, als er sich von Vespasian die Erlaubnis erbat und erhielt, in Iabne ein Lehrhaus zu gründen, rettete er die Zukunft des Judentums. Dieses Judentum hat den Wechsel der Zeiten überdauert. Dieses, des völkischen Charakters entkleidete Judentum, das Judentum, dessen Inhalt die Lehre bildet, hat die Iudenheit erhalten. Nicht glänzende Versprechungen und Belohnungen, nicht Bedrohungen, nicht Gefahren für Leib und Leben, nicht Marter und Folter, nicht der drohende Aod auf dem Scheiterhaufen haben die Juden bewegen können, den Glauben abzuschwören. Es gab Renegaten, ihnen aber stehen die leuchtenden Märtyrergestalten gegenüber, die mit Sch'ma Iisroel auf den Lippen den Tod erduldeten. Aeberall, wohin die Juden in der Diaspora kamen, assimilierten sie sich der Amgebung, nahmen ihre Sitten, ihre Sprache an, und das um so mehr, je weiter die fortschreitende Kultur die Ghettomauern abtrug; ihr abweichendes Glaubensbekenntnis gaben sie jedoch nicht auf. Dies war der hauptsächlichste Amstand, dem die Sonderstellung der Juden ihrer Umgebung gegenüber zuzuschreiben ist. Wäre nicht das abweichende Bekenntnis gewesen, das mit einer der Umgebung oft genug völlig unverständlichen Hartnäckigkeit festgehalten wurde, einer Hartnäckigkeit, die die Amgebung zur Annahme von Geheimbünden u. a. m. führte, es gäbe heute keine Iudenfrage, wenigstens nicht bei uns in Deutschland. Es wäre eine restlose Aufsaugung erfolgt, wie das Verschwinden der Taufjuden in der übrigen Bevölkerung lehrt. Abgesehen von dem abweichenden Bekenntnis, von dem Willen, dem Judentum weiter noch anzugehören, sind die Juden nach dem Fall der Ghettomauern in Deutschland, in dem sie ja schon seit weit über ein Jahrtausend ansässig waren, viel länger als viele von denen, die den deutschen Juden das Vaterland bestreiten, genaü ebenso wie die Juden in England Engländer, in Frankreich Franzosen, völlig Deutsche geworden. In Deutschland.geboren, in Deutschland aufgewachsen, in deutscher Kultur groß geworden, fühlen sie sich als Deutsche. Von frühester Jugend an ist^ ihnen Deutschland als ihr Vaterland erschienen, die deutsche Sprache ist ihre Muttersprache, sie sind Deutsche und lassen sich ihr Deutschtum nicht rauben. Sie erachten sich dem deutschen Vaterlande unlösbar verbunden durch Geschichte, Kultur und Rechtsgemeinschaft. „W er mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland b e st reitet, der be st reitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme: darum muß ich mich gegenihnwehren wie gegen einen Mordev.“ So schrieb Gabriel Rieß er vor 80 Fahren, und das gilt heute ebenso in vollem Amfange. Es gilt heute noch in erhöhtem Maße, nachdem das deutsche Volk durch ruhmreiche Kriege zusammengeschmiedet ist. Damals, als auf den blutgedüngten Schlachtfeldern Deutschlands Einheit und Größe erwuchs, wurde nicht gefragt.