Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Berlin
- Date
- 1913-04-01
- Page
- 171 (sequence 3)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 171 Wegen seines späten Nachhausekommens zur Rede gestellt, erzählte er seinen Eltern, er sei im Geschäft von Jacob Kaiser gewesen, wo er gern kaufen wollte. Wegen eines vorbeiziehenden Leichenzuges sei die Jalousie heruntergelassen worden; in diesem Moment sei ev von den Kaiserschen Eheleuten, nachdem ihm ein Tuch oder eine Schürze über den Kopf geworfen und ihm ein Watteknebel in den Mund gesteckt war, in eine Kiste gepackt und .nach dem Keller geschafft worden. Er sei besinnungslos gewesen und nach wenigen Stunden wieder freigelassen worden. Durch diese Erzählung aufgeregt, erstattete der Vater Anzeige bei der Polizei. Der Bürgermeister hornig begab sich am nächsten Vormittag in Begleitung des Stadtwachtmeisters mit Vater und Sohn in das Kaisersche Haus. Der Junge bezeichnete dieses Haus als dasjenige, in dem ihm Besagtes begegnet sei, und die Kaiserschen Eheleute als diejenigen, die sich an ihm vergriffen hätten. Vor dem Hause Kaisers, das in der Nähe der Synagoge liegt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Aufreizende Reden, daß „der Junge gemordet werden sollte", „Christenmörder," „wenn das in Posen wäre, würde das Haus demoliert und die Kaisers würden erschlagen werden" u. a. m. wurden nicht nur vom Pöbel, sondern auch von Leuten laut, denen man mehr Intelligenz zugetraut hatte, oder von Geschäftsleuten, die aus der Verhetzung für sich Gewinn erhofften. Die Polizei suchte Aufklärung in die Sache zu bringen. Als am Donnerstag der Junge nochmals vernommen wurde, blieb er zunächst bei seinen ersten Angaben; nachdem ihm aber Zeugen gegenübergestellt wurden, die ihm bewiesen, daß er die Anwahrheit gesagt habe, gab er zu, gelogen zu haben. Diese Zeugen waren der Kaufmann Kretschmann und der Manufakturwarenhändler Leopold. Bei Kretschmann hatte der Junge sein Rad reparieren lassen und dort einige Stunden auf die Reparatur gewartet; bei Leopold hatte er Garn gekauft. Der Bäckermeister Tikora bekundete, daß Kaiser um die fragliche Zeit mit ihm zusammen bei Gegenmantel gewesen sei. Der Leichenzug war überhaupt nicht an Kaysers Haus vorübergegangen. Auf die Frage, wieso er eine solche Ausrede für sein Ausbleiben gemacht habe, sagte der Bursche, er habe einmal von seiner Mutter gehört, daß. in Zirke eine ähnliche Sache vorgekommen sei; aus Furcht, von seinem Vater bestraft zu werden, sei er zu dieser Ausrede gekommen. Die Polizei ließ, nachdem die Sache klargestellt war, dies öffentlich bekanntgeben, um die Aufregung in der Stadt zu dampfen. Obgleich die Grundlosigkeit der Beschuldigung völlig erwiesen ist, gibt es in Wronke immer noch Leute, die glauben, die Juden hätten das Blut des Jungen haben wollen. Man erzählt sich, daß Lehrer und Lehrerinnen sich geäußert hätten, die Sache könne