Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1913-04-01
- Page
- 164 (sequence 4)
- Language
- German
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164 Im deutsche» Reich. Bereits vor der 20. Generalversammlung des Bundes der Landwirte wurde in einer sächsischen tandesversamrnlung bet Deutschen Refornixartei eine Kommission mit der Revision des Parteiprogramms beauftragt, weil man erkannte, daß die Iudenfrage der Partei keine Anhänger zuführe, also keine Werbekraft mehr habe. In der Vorberatung war ausdrücklich betont worden, daß die Rassen frage nicht mehr als tzauptfrage in den Vordergrund gestellt werden dürfe, sondern daß die Partei bestrebt sein müsse, wirtschaftliche und soziale Interessen zu fördern. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Werner-Hersfeld hat sich erst nachträglich bemüht, den Eindruck der bezüglichen Auslassungen des Vorsitzenden der Reformer- Versammlung durch die Behauptung abzuschwächen, daß die Streichung des judenfeindlichen § 19 in dem Parteiprogramm nicht beschlossen, sondern nur mehrseitig eine sachliche und ruhige Behandlung auch der Iudenfrage gewünscht worden sei. Die Tatsache bleibt aber bestehen, daß die antisemitische Deutsche Reformpartei, die ihre drei Reichstagsmandate nicht etwa den freisinnigen Parteien, sondern der konservativen Partei weggenommen hat, kampfesmüde und entschlossen ist, sich mehr reformerisch zu betätigen und den Antisemitismus zurücktreten zu lassen. Es ist ein Armutszeugnis für die preußischen Konservativen, die unter dem Druck des Bundes der Landwirte stehen, daß sie sich noch immer nicht von dem antisemitischen Tivoli-Programm und dem zweifelhaften Genuß trennen können, den ihnen die Agrarier durch antisemitischen Zirkusjubel bereiten. Der wiederholte Stimmungswechsel der „Kreuz-Zeitung" beweist nicht nur, daß den vornehmer denkenden -Konservativen das äußerliche antisemitische Gebaren widerlich, sondern daß ihre monarchische und kirchliche Gesinnung mit ihrer politischen Gemeinschaft mit Rassenfanatikern und alldeutschen Wotansanbetern nicht in Einklang zu bringen ist. Der hundertjährige Geburtstag des berühmten christlichen Theologen Franz Delitzsch, der mehrere konservative Organe, insbesondere den frommen „Reichsboten", veranlaßte, die Verdienste dieses Gelehrten um die „Iudenmissio n" in Erinnerung zu bringen und sein Andenken zu feiern, hätte diesen Blättern zu Gemüte führen sollen, daß dieser Meister der hebräischen Sprache ein entschiedener Gegner auch des Rassenantisemitismus war und in Wort und Schrift jede Verunglimpfung der Juden bekämpfte. Einst verkündeten die Antisemiten, daß De-