Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Sanitätsrat Stilles "Kampf gegen das Judentum"
- Date
- 1913-04-01
- Page
- 156 (sequence 12)
- Language
- German
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156 Im deutschen Reich. messer bildet, wie weit die Kultur eines Volkes vorgeschritten ist. Den Schluß bildet aber als Probe für seine eigene „Kultur" und seinen „vornehmen Ton", daß er die Aeußerung eines glaubenstreuen Juden über den von dem früheren Juden Stahl-Schlesinger zu einer konservativen Parole gemachten „christlichen Staat" „eine jüdische Anverschämtheit" nennt. Da wir. nicht in die gleiche Tonart verfallen möchten und durch den übrigen Inhalt der Schrift Stilles leicht verleitet werden könnten, „eine Katze eine Katze zu nennen", erwähnen wir nur kurz, daß er nicht weiß oder nicht wissen will, daß L es sing als humaner Christ weder durch Moses Mendelssohn noch durch Mose Wessely, der ihm nach de Lagardes Behauptung Geld geborgt hatte, zur Abfassung des „Tendenzstücks" Natha» der Weise veranlaßt worden ist, sondern durch Martin Luthers Schrift, „daß Jesus ein geborener Jude sei". Schwere Beschuldigungen der Juden, die Stille erhebt, ohne sie zu begründen, sind längst durch die Zahlen der K r i in i n a l st a t i st i k widerlegt. Soweit er solche Ziffern der Moralstatistik von Professor v. Oettingen entnimmt, beweisen diese, daß die Juden nur in kaufmännischen Betrieben, auf die sie leider so lange in der Hauptsache >be» schränkt waren, ungünstig lauten, während sie insbesondere bei den Roheitsverbrechen, deren Ziffern vr. Stille nicht anführt, sehr günstig abschneiden. Für die Art, wie Juden ihre Geschäfte betreiben, hat Stille keinen andern Nachweis, als eine 1815 von Sessa verfaßte grobe Posse „Anser Verkehr", die noch immer zu einer antisemitischen Beweisführung als hinreichend betrachtet wird. Für die Verhältnisse der Börse und in der Konfektionsbranche beruft sich Stille auf den antisemitischen „Kulturkämpfer" E lag aus und einen gegen den Sozius des verstorbenen Sozialdemokraten Singer tendenziös verbreiteten Klatsch. Hätte Stille aus dem Aufstieg und dem Untergang der von dem getauften Juden Strausberg im Aufträge hoher Edelleute gemachten Unternehmungen richtige Folgerungen gezogen, dann würde er sich überzeugt haben, daß daraus kein Kapital für den Antisemitismus zu schlagen war. Stilles Urteile über Bamberger und Ludwig Löw e sind ebenso grundfalsch wie bösartig. Daß er bei der Aufzählung der im Jahre 1912 in den Reichstag gelangten sozialdemokratischen und freisinnigen Juden unter den letzteren auch den christlichen und. von Christen abstammenden Bergrat G otheiu mit aufführt, ist eine oft widerlegte Unrichtigkeit; was er von den Beziehungen der Parlamentarier Friedberg, Schwabach,. Bassermann. Stresemann und Paasche zum Judentum vorbringt, ist nur geeignet, den Lesern seiner Schrift den Rassenantisemitismus