Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Sanitätsrat Stilles "Kampf gegen das Judentum"
- Date
- 1913-04-01
- Page
- 157 (sequence 13)
- Language
- German
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Sarntatsrat Stilles „Kampf gcqen das Judentum". 157 gründlich zu verekeln. Durch die trübe Brille dieser Spielart des Antisemitismus sieht Stille in der Geschäftswelt, in der Presse, in den Gerichtshöfen, in allen Zweigen der Künste, im Schulwesen usw., ebenso wie der dunkle Herausgeber des „Semigotha" überall Juden, getaufte und ungetanste, oder Iudensprößlinge. Dabei nennt er auch solche Männer, die weder Juden sind noch von Juden abstammen, wie z. B. den Geh. Kommerzienrat Dr. Ravens oder den Tonkünstler Max Bruch, der allerdings vorurteilsfrei genug war, die uralte ergreifende Melodie des jüdischen „Kol-Ridre-Gebetes" konzertmäßig zu bearbeiten. Was Stille sonst aus dem von ihm zusammengefegten antisemitischen Schmutz als Weisheitsperlen auskramt, um sich als sittenstrenger Prediger gegen Alkoholismus, Trinkzwang, Opulenz, Luxus, Börsenspekulation, Spielwut, Iudentaufen u. a. m. hinzustellen, oder gegen die Erbschaftssteuer und für Ausnahmegesetze, um das Lob der Konservativen zu singen, das wird hoffentlich nur auf sehr wenige Leser den von ihm gewünschten Eindruck machen. Ist es doch immer wieder dasselbe, was in anderer Form immer wieder bis zum Aeberdruß aufgetischt wurde. Der Antisemitismus ist eben ale eine kulturwidrige, immer in denselben Kreisen sich drehende Bewegung unbeschreiblich gedankenarm. Was seine Wortführer gegen das Judentum und die Juden Vorbringen, ist schon vor Jahrtausenden von Pharao und Haman ähnlich vorgebracht, spater, besonders im Mittelalter, in einer entsetzlichen Weise in die Praxis übertragen worden und hat auch in der Reuzeit in Landern, mit tiefem Kulturzustand Frevel veranlaßt, von denen sich der Menschenfreund mit Abscheu abwendet. Daß unsere deutschen Antisemiten als Schildknappen der Rückschrittler und Freunde mittelalterlicher Zustände (Unwissenheit, Frondienste und Entrechtung des Bürgertums) vollständige. Gespenst er s eher sind und die Massen durch Ritualmordwahn und allerhand Schauermärchen von einer „jüdischen Aebermacht" betören und ihren Zwecken dienstbar machen wollen, ist betrübend, aber erklärlich. Die Bekämpfung dieser Bewegung ist aber nicht nur Sache der Juden, sondern aller Bürger, denen der innere Frieden, der geistige Fortschritt, die Humanität, echte Moralität und Religiosität teuer sind. Die vergifteten antisemitischen Pfeile gehen weit über das Judentum hinaus, das sie nicht mehr gefährden als die Wohlfahrt des ganzen Polkes. Märtyrer zu machen, war niemals gewinnbringend) ungerechter Druck stahlt den Charakter. Läge nicht ohnehin im Judentum ein Kern der Dauerhaftigkeit, so würde man die Tatsache, daß es seit Jahrtausenden allen Stürmen Trotz geboten hat, auf die Angerechtigkeit der Verfolgungen zurückführen können! Selbst Judengegner sind geneigt» an-