Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 4 (April 1913)
- Article
- Sanitätsrat Stilles "Kampf gegen das Judentum"
- Date
- 1913-04-01
- Page
- 148 (sequence 4)
- Language
- German
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143 Im deutschen Reich. wesen, an den Universitäten nsw., trotz Verfassung und Gesetz ausgeschlossen! Wem will er das Gegenteil weis machen? In der Einleitung bezeichnet er es als haarsträubende Geschichtsfälschung, daß man in den landläufigen Lehrbüchern, die im Mittelalter begangenen Judenverfolgungen allein auf den religiösen Fanatismus zurückführt, statt auf Eigenschaften und Handlungen der Juden. Solche „landläufigen Lehrbücher" sind nirgends in den deutschen Schulen vorhanden. Traurig genug ist es aber, daß unter den Schülern vielfach minderwertige, tendenziös judenfeindliche Geschichtsbücher der« breitet werden, wie z. B. das Einhartsche, das den antisemitischen Ansprüchen Stilles in jeder Beziehung entsprechen dürfte. Was er selbst Haarsträubendes als Geschichtsschreiber zu leisten imstande ist, dürfte vollständig geeignet sein, nicht nur bei jedem Juden, sondern auch bei jedem unbefangenen Christen Empörung zu erregen. Er findet es z. B. ganz in der Ordnung, daß Friedrich der Große, der sonst jeden nach seiner Fasson wollte selig werden lassen, ein scharfes Edikt gegen jüdische Hausierer erfassen hat, daß das von Friedrich Wilhelm III. 1812 zur Verbesserung der Lage der Juden Unterzeichnete Edikt unter dem Eindruck der allgemeinen Reaktion in den Jahren 1822, 1831 und 1836 durch rückschrittliche Verordnungen wieder eingeschränkt wurde. Stille beklagt es, daß 1847 im preußischen vereinigten Landtage sich vornehme Landboten für die Gleichberechtigung der Juden einsetzten und daß Bismarck, der damals sich judenfeindlich geäußert, später als großer Staatsmann seine Stellung zur Iudenfrage erheblich geändert hat. Denn Stille verkennt, daß Bismarck an leitender Stelle die Junker ebenso wie die Juden in praktischer Beziehung besser kennen gelernt, die richterliche Befähigung des von ihm deshalb zum ersten Präsidenten des Reichsgerichtes ernannten Rasiejuden Sims.on, die politische Befähigung Bambergers und Lasters, die finanzielle Bleichröders zu fchätzen und zum Heil des Staates zu benutzen verstanden hat. Die Geschichtskenntnis Stilles in bezug auf den sogenannten „Kulturkampf" beschränkt sich anscheinend auf das im Grunde harmlose Witzwort Friedrich Wilhelms IV. über Meyerbeers „Hugenotten" und auf die Stellung Dirchows zu dieser die Juden nicht berührenden Frage. Ilebrigens rechnet er Dirchow halb und halb wegen einer gelegentlichen flüchtigen Aeußerung des Unwillens zu den Antisemiten. Dirchow hat es nämlich einmal übel vermerkt, daß ihm von jüdischer Seit« nach einem Bortrage über Krankenhäuser die Betonung der „christlichen Liebe" zum Vorwurf gemacht wurde. Daß er sich gegen diesen Borwurf mit großer Schärfe verwahrt hat, war nichts weniger äls Antisemitismus, von dem er so frei war, daß