Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Gedanken zur Judenfrage
- Date
- 1913-03-01
- Page
- 119 (sequence 3)
- Language
- German
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„Gedanken zur Judenfrage". 119 konservativ zu sein, bloß weil er ein Jude ist, dem seine Religion gebietet, „für das Wohl der Obrigkeit zu beten"? Das wäre doch gerade gewissenlos! And doch steckt in dem, was Herr Sachs empfindet, ein Körnchen Wahrheit, wenn auch seine Schlüsse falsch sind. Es ist nämlich richtig, daß der Jude von Haus aus konservativ gerichtet ist. Wer sich davon überzeugen will, der sehe sich jene Massen in Rußland und Galizien an, welche nicht bloß an ihren alten jüdischen Religionssitten und Gebräuchen hängen, sondern mehr noch mit hartnäckiger Treue die Sprache und die Kleidung festhalten, die ihre Vorväter aus Deutschland mitbrachten, als sie vor 600 Jahren von Dort vertrieben wurden, da man sie zu Sündenböcken für die furchtbaren Verheerungen der Pest machte. Denn es ist die deutsche Sprache des Mittelalters, die uns tief in Rußland aus dem mit Anrecht verachteten Jargon entgegenklingt, und es ist die Tracht deutscher Bürger jener fernen Zeiten, welche uns jetzt an den polnischen und russischen Juden so wenig gefällt. Wenn es aber richtig ist, daß der Jude an sich gerne bei dem Aeberlieferten verbleibt, wie kommt es, daß unverkennbar in Deutschland fast die gesamte Iudenheit der konservativen Partei mehr oder weniger feindlich gegenübersteht? Run, die Arsache liegt so klar zutage, daß sie keinem verborgen bleiben kann, der nicht absichtlich sein Auge vor den Tatsachen verschließt. Gesetzt den Fall, es käme einmal eine Partei auf den wahnsinnigen Gedanken, aus irgendwelchen Gründen die ländliche Bevölkerung gegenüber den Stadtbewohnern in ihren staatsbürgerlichen Rechten zurücksetzen, sie etwa von der Verwaltung, der Justiz und der Militärlaufbahn ausschließen zu wollen, gäbe es dann einen anständigen Gutsbesitzer oder Bauern, der diese Partei nicht bekämpfen würde, selbst wenn sie ihn wirtschaftlich noch so sehr begünstigte? Wäre er zu diesem Kampfe nicht verpflichtet aus Rücksicht auf seine Ehre als Mann, der sich nicht untätig entrechten und zum Menschen zweiter Klasse machen lassen darf, verpflichtet auch aus Liebe zum Vaterlande, das durch eine solche ungerechte Politik mehr noch geschädigt wird als der einzelne davon Betroffene? Genau so ergeht es uns: Solange die konservative Partei es ablehnt, uns Gerechtigkeit widerfahren . zu lassen, so lange sie es billigt und fordert, daß unsere durch Verfassung, Gesetz und Logik uns gewährleisteten Menschen- und Bürgerrechte mittels allerhand geschickter und ungeschickter Verwaltungskünste geschmälert werden, solange sie es ist, welche die gesellschaftliche Aechtung der Juden mehr oder weniger offen predigt und betätigt, so lange müssen wir diese Partei bekämpfen, mag