Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Gedanken zur Judenfrage
- Date
- 1913-03-01
- Page
- 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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118 Im deutschen Reich. „Rasse" ja überhaupt nicht viel anzufangen —, sondern das Ergebnis ihrer traurigen Erlebnisse in den verflossenen Jahrhunderten. Homer sagt schon zutreffend: „Wem Zeus die Freiheit nimmt, dem nimmt er auch die Hälfte der Mannestugend." Viele Jahrhunderte eines Ghettolebens voller Verfolgungen und Erniedrigungen, wie sie die Juden in Deutschland erleben mußten, können nicht spurlos vorübergehen, und wer, wie die Juden, bis an die Grenze der Neuzeit gleich dem lieben Vieh mit einem Leibzoll belastet war, den sie bezahlen mußten, wenn sie aus einem Bezirke in einen anderen kamen, der kann nicht plötzlich ein aufrechter, taktvoller Mann sein, wenn endlich — vielfach nur theoretisch — die Sklavenketten gesprengt werden. Diese „Gettospuren" haben weder mit der Religion noch mit der Rasse etwas zu tun. Sie verschwinden deshalb auch immer mehr, je mehr die wirkliche Gleichberechtigung durchgeführt wird. Das zeigt z° B. ein Blick auf England, Italien und andere Länder, Ganz unhaltbar ist, was Sachs über die Gründe der Vaterlandsliebe sagt. Zwar ist es gewiß richtig, daß unsere Religion, wie sie ja auch sonst das Gute und Edle vorschreibt, uns gebietet, das Land, in dem wir leben, zu lieben und seine Interessen mit ganzem Herzen wahrzunehmen — dafür könnten noch viel mehr Beweisstellen angeführt werden. Aber nicht bloß aus Pflichtgefühl lieben wir unser Vaterland, so wie wir ja auch unsere Eltern nicht nur deshalb lieben, weil wir von Religionswegen dazu ungehalten werden, sondern aus inneren, seelischen Regungen. Wenn ich mich auf meinen Ferienreisen an den Wundern der Schweiz und Italiens erfreue, trotzdem aber bald nach den so sehr viel bescheideneren Naturreizen meiner Heimat Sehnsucht empfinde, so geschieht das nicht darum, weil die Religion mir befiehlt, das Vaterland zu lieben, sondern weil es eben die Heimat, „die süße Heimat", ist, mit der ich durch Geburt, Erziehung und Schicksal unlöslich verknüpft bin. And nun zu den Schlußfolgerungen jenes Aufsatzes, um derentwillen er ja wohl von der konservativen „Schlesischen Zeitung" veröffentlicht worden ist. Wie kann Sachs fordern, daß die deutschen Juden wegen des Wesensgehalts ihrer Religion sich politisch konservativ betätigen, sich „den positiven staatserhaltenden Parteien" anzuschließen hätten? Was hat die Religion mit der Politik zu tun? Mit Recht sagt er, daß wir nur danach zu fragen hätten, was uns unser Gewissen vorschreibt. Wer der Aeberzeugung ist, daß die Politik der konservativen Partei, die doch ebenso dem Wechsel unterliegt, wie die aller anderen Parteien, nicht dem Allgemeinwohle fördersam ist, soll der trotzdem verpflichtet sein, unter allen Amständen