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Im deutschen Reich · 1913-03-01 · Heft 3 (März 1913) · p. 104

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 3 (März 1913)
Article
Professor Dr. Julius Goldsteins Kritik meines Kunstwart-Aufsatzes
Date
1913-03-01
Page
104 (sequence 8)
Language
German
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104 Im deutschen Reich. ein jüdisches Volk mit angeborenen unverwischbaren Merkmalen." Das Wörtchen auch (von Ihnen selbst unterstrichen) gehört zu den fatalen Abschwächungsmitteln, mit denen Sie in dieser Replik meine sogenannten Mißverständnisse kennzeichnen wollen. An sich wäre es ja freilich gleichgültig, wie Dr. M. G. persönlich zur jüdischen Frömmigkeit steht. Aber er ist der typische Vertreter einer ganzen Bewegung. And deshalb war es sachlich wichtig, den Punkt zu berühren. Entgegen der Auffassung des Ralionaljudentums muß betont werden, daß die jüdische Frömmigkeit für die jüdische Gemeinschaft denn doch etwas wesentlich anderes bedeutet als etwa irgendeine kirchliche Frömmigkeit für Richtjuden. Die jüdische Frömmigkeit ist Weltgeschichtlich das einzige greifbare Substantielle der jüdischen Seele. Alles andere ist abgeleitet und sekundär. Was wären die Hellenen ohne die hellenische Kunst — was die Juden ohne die jüdische Religion? And nun noch etwas Methodologisches: M. G. stellt es so hin, als ob ich das Rationaljudentum widerlegen wollte, während doch die Voraussetzung seines ganzen Aufsatzes in der nationaljüdischen Gesinnung läge. Darauf antworte ich: Ich habe nur den M. G. vom Anfang des KunstwartaufsatzeZ mit dem M. G. vom Ende desselben konfrontiert; am Anfang seines Aufsatzes spielt er sich als Rationaljude ä tont prix auf, und am Ende des Aufsatzes schildert er in leidenschaftlichen Worten sein Deutschtum und seine deutsche Kulturgesinnung. Ich'habe nur — unter gleichzeitigem Hinweis auf parallele Gedankengänge des Zionisten Franz Oppenheimer — an Go löst eins eigenen Ausführungen die Unvereinbarkeit der beiden Positionen aufgezeigt: M. G. nennt diese Anvereinbarkeit „ein uriheilbares Leiden". Aber das Leiden scheint noch nach einer andern Richtung ganz besonders hoffnungslos zu sein, denn der Rationaljude Dr. M. G. besitzt nämlich — ein ,,kräftiges deutsches Nationalgefühl", das er selbst „so stark wie irgendeiner empfindet". Wieviel Seelen wohnen wohl in seiner Brust? Ein, von jüdischer Religiosität losgelöster R atio n a lj ud e, mit deutschem Ratio n a l g e f ü h l u n d deutschem K u l t u r b e w u ß t s e i n*)!? Das mag für diesesmal genügen. Was einmal krumm war, kann, wie schon der weise Prediger Salomo erkannt Hat, nicht gerade gemacht werden. And wenn M. G. zum Schluß seiner Replik meint, man könne ihm entgegenhalten: „Mache doch deine *) Ich kann es mir doch nicht versagen, an dieser Stelle noch ein Beispiel zu geben für die seltsame Artz^wie M. G. mit meinen Ausführungen verfährt. Im Kunstwartaufsatze behauptete er, der liberale Jude rühme sich seines Europäertums und fügt dann hinzu, „wer heute nichts weiter von sich verlangt, als daß er sich des Europäertums bemächtige, ist von' vorgestern. Er steht an derselben Stelle, an der einst Moses Mendelssohn stand". Darauf forderte ich M. G. auf, er möchte mir Ramen führender liberaler Juden nennen, die sich des Europäertums gerühmt hätten. G. blieb mir die Antwort schuldig. Ich bemerkte ferner, daß es falsch sei, von Mendelssohn zu behaupten, er hätte den mittelalterlichen Gettojuden zum Europäer machen wollen. Ich tat das in einer ironischen Form. Diese rhetorische Form der Ironie faßt M. G. als eine Schlußfolgerung auf, um mich dadurch logisch aä ab8uräum zu führen. Dann aber setzt er sachlich das Humanitätsideal des 18. Jahrhunderts mit unserem von Nietzsche herrührendem Begriff des Europäertums gleich. Da könnte ja Herr M. G. mit derselben logischen und sachlichen Berechtigung sein Rationaljudentum mit dem. Europäertum identifizieren, denn Rationalbestrebungen sind

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