Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Professor Dr. Julius Goldsteins Kritik meines Kunstwart-Aufsatzes
- Date
- 1913-03-01
- Page
- 103 (sequence 7)
- Language
- German
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Professor Dr. Julius GoldsLeinK Kritik usw. 103 dicken Lettern zitiert worden ist: „Wohlgemerkt, das schreibt ein Jude, ihr deutschen Toleranz fase l er, und nicht etwa ein tollwütiger Antisemit. Dem Klarblickenden sagte Goldstern nichts Neues; neu war nur, daß ein 'Jude die Zeit gekommen glaubte, dies dem deutschen Volke ins Gesicht zu sagen.") Auch solche, die selbst nicht den Aufsatz gelesen haben, diesen Satz kennen sie, ihn führen sie im Munde; durch ihn hat sich M. G. das unsterbliche Verdienst erworben, den Zitatenschatz des Antisemitismus um einen Ausspruch bereichert zu haben. — Dr. M. G. wirft mir vor, ich hätte mit meiner Bemerkung, der Aufsatz Ware von der antisemitischen Presse besonders beachtet worden, dem harmlosen Leser die Vorstellung erweckt, er, M. G. selbst, wäre antisemitischen Kalibers. Ich bin solchen harmlosen Lesern noch nicht begegnet, Wohl aber vielen Hunderten anderer, die der leider wohlbegründeten Aeberzeugnng waren, daß dieser Kunstwartaufsatz des Herrn M. G. wie kein anderer die Geschäfte des Antisemitismus aufs beste besorgt hat*). Aber der fragliche Satz soll nach M. G. „absolut richtig" sein, denn — wir wollen „verwaltendermaßen prozentualiter in viel größerer Zahl als die Aichtjuden uns mit literarischen und künstlerischen Werten befassen". Welche Logik! And welche Verkennung des Wesens geistiger Dinge! Ein geistiger Besitz wird nach M. G. von einer bestimmten Klasse verwaltet, weil ihre Glieder in großer Zahl sich mit ihr befassen. Als -ob ein geistiger Besitz, gleich einem materiellen, sich teilen' und verteilen ließe an viele und durch viele. Geistiges kann jemand besitzen oder nicht. And besitzt er es, so hat er es ganz. Der Amstand, daß neben ihm noch Hunderte und Tausende es ebenfalls besitzen, mindert doch seinen Besitz nicht! Der geistige Besitz des deutschen Volkes verbleibt demselben ungemindert, auch wenn Tausende von Juden sich ihn ebenfalls anzueignen trachten. Im übrigen ist die Methode der prozentualen Berechnung in geistigen Betätigungen bekanntlich die MAhode der russischen Regierung und der Antisemiten. Die jüdischen Kritiker, Perleger und Verwalter, fügt M. G. hinzu, haben im wesentlichen diesen Besitz nicht geschaffen. Haben etwa die christlichen Verleger und Kritiker den geistigen Besitz geschaffen, den sie „verwalten"? Haben die evangelischen und katholischen Geistlichen etwa die Bibel, die klassischen Philologen den Geistesbesitz der Griechen und Römer geschaffen? Will auch ihnen M. G. das Recht absprechen, diese Schätze zu „verwalten"? Aber die andern sollen unsere Dienste zurückweisen. Die andern? Wer sind die andern? So weit geht nicht einmal Avenarius, der wenigstens unsere Mitarbeit als wertvoll und notwendig anerkennt. And soll ich an bekannte Aeußerungen von Fontane, von Perfall, von Herbert Eulenburg, von Scheffler, von Fr. W. Förster u. a. erinnern? ' Herr vr. M. G. ist empört, daß ich eine scheinbar rein private Angelegenheit: seine Stellung zur jüdischen Frömmigkeit, in die Debatte hineingezogen habe. Mit Verlaub, Herr Doktor! Einmal haben Sie die Tatsache' in Ihrem Kunstwartaufsatze selbst berührt, freilich in einer andern Weise als hier in dieser Replik. Hier heißt es: „Ans bleutet das Judentum auch eine nationale Zusammengehörigkeit. Im Kunstwartaufsatz aber heißt es: „Wir predigen zwar nicht mehr eine „mosaische" Konfession, sondern glauben an *) Ein außerhalb aller Parteikämpfe stehender Gelehrter äußerte mir gegenüber einmal: „Wenn der Antisemitismus in Deutschlarid nicht schon dagewesen wäre — die Zionisten hätten ihn ganz allein hervorgerufen."