Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Professor Dr. Julius Goldsteins Kritik meines Kunstwart-Aufsatzes
- Date
- 1913-03-01
- Page
- 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316829-2316832-2346974--23342-2347024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
102 Km bersten Reich. hauptung, ich hätte ihn fortwährend mißverstanden. Sollte ich ihn fo schlecht gelesen haben? Oder sollte er sich so — undeuLlich ausgedrückt haben? Wenn ich seine Kommentierungen der eigenen Worte lese, wenn ich sehe, wie er sich hier und da entschuldigt, er habe es anders gemeint als ich und als alle andern, die sich mit seinen Kunstwarkaufsatz befassen mußten, wenn ich feststellen muß, daß er fast unmerkbar gewisse seiner Behauptungen abschwacht, um mir Anverständnis vorzuwerfen, so kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren: Nur die Schwäche der eigenen Position hat Dr, Moritz Goldstein veranlaßt, seine ganze Verteidigung auf den Vorwurf des fortwährenden Mißverstehens einzustellen. Mißverstehen — das kommt ja in jeder Polemik vor, aber fortwährendes Mißverstehen, das setzt dann doch schon einen Grad von Dummheit und Böswilligkeit voraus, den ich jedenfalls nie bei einem Gegner annehmen würde. Versuchte ich nun, eure Richtigstellung seiner neuen Behauptungen vorzunehmen, so würde des Gegenredens kein Ende nehmen, und der nur knapp bemessene Raum würde nicht ausreichen. Es haben ja auch nur diejenigen Mißverständnisse im Sinne von Dr. M. G. Bedeutung, die Wert oder Anwert für die Sache haben. Vieles in seiner Polemik hat rein akademische Bedeutung, so die Behauptung, das deutsche Nationalgefühl sei programmmäßig und bewußt veredelt worden, seine Lehren, wie sich der Jude als Historiker einem Luther gegenüber zn verhalten habe u. a. m. Ich behalte mir vor, an einem anderen Orte auf diese und ähnliche Behauptungen des Näheren einzugehen. Hier könnennur diejenigen Punkte berührt werden, die sachliche Bedeutung für uns als deutsche Juden haben. „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz des deutschen Volkes/' Dr. M. G. kommentiert nun folgendermaßen: Versteht man: „Die Juden — und nlcfyi die Deutschen — verwalten den geistigen Besitz Deutschlands", so ist der Satz falsch. Versteht man hingegen: Die Juden verwalten den geistigen Besitz der Deutschen und nicht der Inden, so ist er absolut richtig." Ich gestehe, diese Distinktion ist mir zu fein - sie nimmt auch dem Satze nichts von seiner Angeheuerlichkeit, nichts von seiner aufreizenden Note, nichts von seiner Anrichtigkeit. „Es gehört nicht viel dazu, ihn als übertrieben zu erkennen", meint M. G. — wenn man aber einen Satz von solcher Tragweite schreibt, dann sollte überhaupt nichts dazu gehören, um ihn so zu verstehen, wie er gemeint ist. Ein Schriftsteller, ein Jude, der sich nicht genug tun kann in der Behauptung, wir befänden uns in einer feindlichen Amgeöung, der hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, zweifach und dreifach seine Worte zu wägen, um Möglichkeiten des Mißverständnisses bei einer solchen Behauptung zu vermeiden. „Ihr Gelehrten seid vorsichtig in euren Worten", heißt es in den Sprüchen der Väter — ich vermisse die jüdischen Tugenden der Besonnenheit, der Gehaltenheit, der Zurückhaltung im Ausdruck bei einem Nationaljuden, wie er durch M. G. repräsentiert sein soll. Nicht nur ich, wie er glauben machen möchte, habe den Satz mißverstanden, sondern alle, die den Aufsatz gelesen haben. Wo von dem Kunstwartaufsatz die Rede, ist — sei es im Flugblatt der deutsch-völkischen Studenten, sei es im Basler antisemitischen Wochenblättchen, sei es in der Kunstwartanzeiae des Romans von Wrede —, dieser Satz prangt mit dicken Buch^- staben überall als Kern, als Extrakt, des Kunstwartaufsatzesals ehrliches Zugeständnis eines Juden. (In dem Flugblatt des deutschvölkischen Studentenveröandes heißt es, nachdem der nv Frage sichende Satz mit einigen weiteren aus dem Kunstwartaufsatz mit