Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1913-02-01
- Page
- 73 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 73 Die den Erlaß des Eisenbahnministers betreffende Anfrage des Abg. 1)r. Werner veranlagte den Staatssekretär Delbrück dem Reichstagspräsidenteu zu schreiben: „Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich mitzuteilen, daß ich nicht in der Lage bin, die Anfrage Nr. 28 des Abgeordneten ])r. Werner (Gießen), betreffend die Verteilung j u d en g e g n e r i s che r- Schriften auf Bahnhöfen und in den Zügen — Nr. 621 der Drucksachen —, zu beantworten, da ihr Gegenstand zur verfassungsmäßigen Zuständigkeit des Reichs nicht gehört." Mephisto würde den Herrn Oberlehrer vielleicht trösten: „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man bequem nach Hause tragen." Mit dem in der antisemitischen Agitation unermüdlichen Abgeordneten Werner-Gießen wetteifert der frühere deutschsoziale Abgeordnete Lattmann in bezug auf die Zahl der veranstalteten Propaganda-Versammlungen, ohne daß es ihm bisher möglich wurde, nennenswerte Erfolge zu erzielen. Am 7. Dezember übernahm er die Kandidatur bei der Reichstagsersatzwahl in Greiz mit den Worten: „Ich weiß, daß ein Erfolg möglich ist; ich wag's." Zehn Tage später wurde der Sozialdemokrat mit 7869 Stimmen im ersten Mahlgang gewählt; der moderne „Ulrich v. Hutten, alias Lattmann" erhielt trotz der Unterstützung des Bundes der Landwirte, der Herrn v. Löben für ihn agitieren ließ, nicht mehr als H60 Stimmen. Sämtliche in letzter Zeit in den Versammlungen des Bundes der Landwirte gehaltenen Reden haben, wie die des Herrn v. Löben, eine so scharfe "Tonart angeschlagen, daß von dem „veredelten" Antisemitismus, den der Bund nach einer Forderung des Freiherrn v. Wangenheim kultivieren sollte, keine Spur zu bemerken war. Herr v. Loeben verstieg sich in Greiz sogar zu der Aeußerung, daß z u- L u n st e n oerIudeninBerlin die Konzession für die Auswanderung über den Handelshafen von Emden versagt worden sei. Der Abgeordnete Beck-Ratsberg sagte in einer Nürnberger Versammlung: „Wir würden die Jesuiten sofort her» emlassen, wenn wir wüßten, daß wir durch sie Hilfe gegen die Iudenmacht erhalten würden." Es sei eine Schmach, daß 100 Jahre nach den Befreiungskriegen das fremde, listige, asiatische Volk der Juden Deutschland regiere. Alles sei verludet. Hauptmann v. Levetzow zeigte sich in einer Potsdamer Versammlung fast noch temperamentvoller; er meinte u. a. sogar, Sir Ernest Cassel, der an der Einkreisungspolitik Englands gegenüber Deutschland nicht ganz unschuldig gewesen sei, habe eine Einladung zu den Hosfestlichkeiten erhalten, wie andere Leute