Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1913-02-01
- Page
- 71 (sequence 5)
- Language
- German
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Am schau. 71 Dem antisemitischen Redner wurde bei dieser Stelle nur eine Rüge des Präsidenten des Reichstages zu teil. Die pseudomonarchische Stellung der Antisemiten gebietet ihnen anscheinend auch einen religosen Dekehrungsversuch. Der in der „Deutschen Orientgesellschaft" von Prof. Friedrich Delitzsch in Anwesenheit des Kaisers über die „Kulturvölker Sumer und Akad" gehaltene Vortrag hat die „Staatsbürger-Zeitung" zu dem Wunsche begeistert, unser Kaiser möge in seinem Iubiläumsjahre über die unermeßlichen Wirkungen dieser Forschungserlebnisse für unser gesamtes nationales Leben aufgeklärt werden: „(Ls ist der Herzenswunsch aller echtdeutschen Vaterlandsfreunde, daß die semitische Hypnose, die den Ersten unseres Volkes verzaubert hält, zerrinnen wird an der sonnenklaren Erkenntnis der arischen Urgeschichte und — der indogermanischen Religio n." Der „fromme" „Reichsbote" brachte wenige Tage vorher einen „Wolfgang Eisenhart" Unterzeichneten Leitartikel „D i e konservative Politik und das Judentum", in dem zur Verteidigung des antisemitischen Passus in dem konservativen Programme mit vielen Worten wenig mehr gesagt wurde als die keinen Menschen mehr überzeugende Redensart von dem „sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben". Daß Mommsen selbst die Phrase von dem „Ferment der Zersetzung" später gestrichen hat, verschweigt Herr Eisenhart weislich. Genau so verhak es sich mit einer Jugendarbeit Moltkes, der sich im Jahre 1832 in einer Schrift über die Zustände in Polen, über die von polnischen Königen den Juden gewährten Vergünstigungen, abfällig äußerte, viele Jahre später die gewünschte erneute Veröffentlichung dieser Arbeit aber nur unter der Bedingung gestattete, daß jene, von ihm nicht mehr als richtig befundenen Aeußerungen weggelassen würden. Bei der Gedankenarmut des antisemitischen Programms war jedoch vorauszusehen, daß man mit solchen Aeußerungen trotzdem weiter hausieren würde. Daß das konservative Programm nach den neueren Erfahrungen einer Aenderung bedarf, geht aus einem Satze hervor, der sich einem „Antisemitismus und Iudenfrage" überschriebenen Artikel der „Konservativen Monatsschrift" findet: „Ein Mann, wie F. I. Stahl, ist eine Ausnahme, wie wir sie erst wieder in aller« jüngster Zeit wiederkehren sehen." Die „Deutsche Tageszeitung" erklärte zwar sofort: „Ans ist von diesem „neuen Stahl" nichts bekannt", aber der „Kreuz-Zeitung" wäre sicher bei der jetzigen Sachlage ein neuerer semitischer Einschlag nicht unerwünscht. Die Frage der Gleichberechtigung der Juden würde jedoch durch Heranziehung getaufter Juden noch