Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Der Kampf der Posener Juden um das Stadt- und Staatsbürgerrecht und seine Folgen
- Date
- 1913-02-01
- Page
- 66 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316829-2316831-2346861--23272-2346928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
f*m deutschen Reich. 66 etwas Fremdes, von den Juden als etwas Trennendes empfunden wurde. Und wenn die Polen das Verhalten der Juden als einen Akt der Undankbarkeit bezeichneten und im Hinblick darauf noch heute bezeichnen, daß sie ihnen Gastrecht gewahrt haben, so hatten sie hierzu am allerwenigsten Ursache, denn die Juden hatten durch ihre rege Tätigkeit auf wirtschaftlichem (Gebiete und die Förderung vielseitiger Interessen reichlich die Gastfreundlichkeit vergolten. Bald wich die bisherige Mißachtung einer riesen, unerbittlichen Feindschaft, die sich in den mannigfachsten, oft rohen Formen äußerte. Die enge Vereinigung der deutschen Christen und der Juden zeigte sich deutlich in der Adresse, welche die Stadtverordneten am 2. Juni 1848 an das Frankfurter Parlament wegen des Anschlusses an Deutschland absandte. Bei dem Hinweis aus die Bedeutung der beiden Nationalitäten in Posen vermied man die Scheidung zwischen Deutschen und Juden. Ein Anschluß der Juden an die Polen hatte schon aus dem Grunde nicht erfolgen können, weil sie außerstande waren, polnisch zu denken und zu fühlen, und die in den Tagen der Bot vollzogene Vereinigung mochten die Deutschen nicht mehr aufgeben, weil sie sonst ihre schwer errungene Stellung erschüttert und sich selbst geschwächt haben würden. Man lernte sich gegenseitig kennen und schätzen, wodurch dauernde enge Beziehungen im privaten Leben angeknüpft wurden. Die Haltung der Juden in den Marz- und Apriltagen des Jahres 1848 wurde freilich außerhalb Posens bald vergessen. Die deutschen Bewohner, Posens selbst aber haben das offene Eintreten der Juden für die nationale Sache in jenen schweren-Tagen ihnen stets hock angerechnet. Die Erinnerung daran lebte fort, und nicht zuletzt war es diese Erinnerung, die dazu führte, daß manche jüdische Bewohner Posens im öffentlichen Leben zu Ansehen und Bedeutung gelangen konnten. In diesem Sinne spricht sich auch Kaulfuß, ein geborener Posener, in seiner Schrift: „Beitrag zur Kenntnis und Beurteilung der diesjährigen polnischen Bewegung" (Halle, 1848, 6. 11) aus. Nach 1848 zogen sich die Polen aus eigenem Antriebe immer mehr aus den städtischen Körperschaften zurück, während die Zahl der Juden innerhalb derselben stetig wuchs, so daß sie alsbald den dritten Teil des Stadtverordneten-Kollegiums ausmachten, ja, eigentlich das Bürgertum repräsentierten. Daß dies geschehen konnte, daß sie im öffentlichen Leben der Stadt einen so bedeutenden Platz einnahmen, hatte wohl vornehmlich seinen Grund darin, daß sie seit alten Zeiten in Posen ansässig gewesen und unter ihnen Familien waren, die aus Vorfahren Hinweisen konnten, welche schon vor mehr als zwei Jahrhunderten hochangesehen in ihrer Gemeinde waren und an leitender Stelle gestanden hatten. Sie bildeten somit ein