Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1913-01-01
- Page
- 17 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316829-2316830--23180-2346810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 17 griffen ermutigen. Wenn der am ersten Tage der innerpolitischen Reichstags-Ltatdebatte erfolgte Vorstoß des Zentrums gegen den Reichskanzler keine weiteren Folgen haben sollte, als daß er den schwarzblauen Block abbröckeln läßt, wäre dies von liberaler Seite nicht zu. bedauern, noch weniger von jüdischer. Dieser Block hat mit feinen deutsch - sozialen Trabanten keiner großen politischen Fraktion erheblichen Ruhen gebracht, wohl aber den judenfeindlichen Troß zu antisemitischen Agitationen ermutigt und seine Tendenzen und Manieren in Parteien hineingetragen, die sich früher dafür zu vornehm erachteten. Den deutschen Juden, die dem Vaterlande gegenüber sich immer opferfreudig zeigten, ohne etwas anderes zu fordern als die tatsächliche Verwirklichung verbriefter Rechte, wollen die Antisemiten eine echte vaterländische Gesinnung durchaus nicht zuerkennen. Bei der geringsten Gunstbezeugung, die einem deutschen Juden widerfährt, faseln sie von einer „Iudenherrschaft", und die argrarischen Antisemiten nutzen diese Fabel aus, um die kleinen Landwirte und landwirtschaftlichen Arbeiter über ihre bunte Wirtschaft zu blenden. Die deutschen Juden verlangen gar keine Gnade, sondern nur Gleichberechtigung; sie können aber nicht einmal wie Posa sagen: „Sire, ich genieße die Gesetze!", und nicht auf die Antwort eines Don Philipp rechnen: „Das Recht hat auch der Mörder!" Rein! Das Gesetz vom 3. Juli 1869, das die Erreichung von Amt und Würden von dem Religionsbekenntnis unabhängig machte, ist, soweit es sich um die Juden handelt, nur spärlich oder gar nicht beachtet worden. Vielleicht wird sich das Zentrum auf die Tradition Windhorsts, der an dem Zustandekommen des Toleranz- Gesetzes den größten Anteil genommen hat, besinnen, wenn es einmal darauf verzichten muß, „Regierungspartei" zu sein, und es vorziehen wird, für Volksrechte, Parität und allgemeinen konfessionellen Frieden einzutreten. Kein deutscher Jude soll sich bei solchen Verhältnissen durch Drohungen oder Lockungen bei der Wahl einer von ihm frei zu wählenden politischen Partei beirren lassen. Wir sind nicht Knechte, die dem Herrn um Lohn dienen, sondern freie Männer, selbst wenn wir in Ketten geboren sind und folgen als solche auch unserer politischen Ueberzeugung. Aber keiner Partei darf sich ein Jude anschließen, die seine Religion als minderwertig betrachtet oder in blindem Rassendünkel ihm sein Deutschtum bestreitet. Das Vaterland erwartet, daß jeder deutsche Staatsbürger seine Schuldigkeit tut, wenn es in Gefahr ist. Jeder deutsche Jude wird es dann tun, ohne daran zu denken, über welche Zurücksetzungen wir uns noch zu beklagen haben. Wir wünschen keinen