Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 459 (sequence 10)
- Language
- German
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Amschau. 459 Mädchen ihrer Mutter erzählte, die Frau des jüdischen Kaufmanns Gerber, bei der sie einen Einkauf zu besorgen hatte, habe an ihr einen Kitualnroröversuch gemacht. Innerhalb einer Stunde sammelten sich vor dem Geschäft Gerbers unzählige Menschen, die das Haus mit Steinen bombardierten. Die Polizei war machtlos. Das Geschäft wurde geplündert unb zerstört. Als Militär anrückte, zog der Pöbel in die innere Stadt, wo das Zerstörungswerk an jüdischen Geschäften und Häusern fortgesetzt wurde. Mehrere Abteilungen Militär stellten sich den Erzedenten entgegen und mußten von der Waffe Gebrauch machen. Es wurden zahlrelche Verhaftungen vorgenommen. Aeberall, wo ungebildeten Menschen in Wort und Bild die uralte Ritualmordlüge eingeprägt wird, zeigt es sich, wie leicht diese vergiftete Waffe der Antisemiten den Pöbel zu Plünderung und Mord erregt und böswilligen Hetzern gefügig macht. Das Verhalten der russischen Antisemiten bietet ein krasses Beispiel, wie schwer es ist, ihnen diese Mordwaffe zu entwinden. Schmachvoll ist aber besonders, wie sich die deutsche Antisemitenpresse dem ^ustrzskanöcrl in Kiew gegenüber verhält. Nachdem der anfänglich für den Ritualmordwahn ziemlich empfängliche russische Iustizminister und das Appellationsgericht zu Kiew sich von der Unschuld des jüdischen Arbeiters Beilis überzeugen ließen und weiter nach den wirklichen Mördern des armen Knaben Iustschinski forschten, schrieb die „Staatsbürger-Zeitung": „Herr Iustizminister, das riecht verdächtig nach Rubel!" Die „Deutsche Hochwacht" zeterte: „Auch dieser verfluchte Blutmord wird — wie so viele andere — ungesühnt bleiben! Verfluchte bestochene Schufte!" — — S o suchen deutsche Antisemiten den Pöbelwahn immer wieder aufzufrischen, aber solches fluchwürdige Werk wird hoffentlich überall künftig infolge der zunehmenden Aufklärung mißlingen. Vor wenigen Wochen war von den Ritualmordmärchen- Fabrikanten der plötzliche Tod der bei dem jüdischen Gastwirt Götze in Zduna-Wola in Dienst stehenden Frau Sophie Maciejewska dazu benutzt worden, das Gerücht zu verbreiten, die aus Kiew stammende Frau sei von ihrem Brotherrn zu rituellen Zwecken ermordet worden. Die Menge, die durch den aus Kiew herbeigeholten Gatten aufgeregt worden war, ließ sich durch das Ergebnis der Obduktion (Gehirnentzündung) nicht beruhigen, sondern begann viele Juden zu mißhandeln, ihre Häuser zu plündern und teilweise zu zerstören.