Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 456 (sequence 7)
- Language
- German
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456 Im deutschen Reich. sogar die antisemitische „Deutsche Tageszeitung" hat die Leichtfertigkeit, mit der der „Semigotha" zusammengestoppelt ist, bereits überzeugend nachgewiesen. Die antisemitisch angehauchten „Leipziger Neuesten Nachrichten" sagen: „Das Buch sollte ein Warnungssignal vorstellen, ist aber eine Skandalchromkallergemeinster Sorte geworden." Es muß dem Adel überlassen bleiben, mit dem verantwortlichen Redakteur des „Semigotha" abzurechnen. Weit mehr als das Rassenvorurteil bedrückt uns das bei den Zurücksetzungen inr Heere und bei der Verwaltung zum Ausdruck gelangende religiöse Vorurteil, das den Staat veranlaßt, Ueberläufern das zu gewähren, was er denen vorenthält, die ihrer Familie und ihrem Glauben treu bleiben. Die auf die Taufe gesetzten staatlichen Prämien werden bereits in weitesten Kreisen mißbilligt. Die „Frankfurter Zeitung" hat am 7. Juli d. I. unter dem Titel „Preußens Bürgertum und der Adel", militärische Betrachtungen eines alten Offiziers veröffentlicht, der mit allem Nachdruck für das Bürgertum in Zukunft die vollste Gleichberechtigung fordert und hinzufügt: „Diese verlange ich auch für einen Volksstamm, der seinen Stolz darin gesucht hat, nicht zurückzustehen gegen die.deutschen Mitbürger in allem, was zur Größe und Stärke des gemeinsamen Vaterlandes beiträgt. Wenn es seit Jahrzehnten jedem Offizier gestattet ist, eine Jüdin aus unbescholtener Familie zu heiraten, was für Gründe liegen dann noch vor, daß den Brüdern der nunmehrigen Offiziersfrauen der Offiziersstand, die Offizierslaufbahn verschlossen bleibt? Stellen wir uns nicht da an die Seite halbzivilisierter Staaten, nachdem alle anderen Mächte, deren Freundschaft wir eifrig suchen, mit derartigen und anderen mittelalterlichen Vorurteilen lange aufgeräumt haben?" — Im bayerischen Landtage hat am 28. August bei der Beratung des Militäretats auf eine Anregung des liberalen Abgeordneten Dr. Casselmann der bayerische Ktiegsminifter Freiherr v. Kr e ß, erklärt: „Ein prinzipielles Hindernis, das A n gehörigen des israelitischen Glaubens die Offizierskarriere verschließt, besteht nicht, sofern die Betreffenden die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen. Die Wahl zum Reserveoffizier liegt in den Händen der Standesgenossen. Daß der israelitische Glaube kein Ausschließungsgrund ist, beweist die Tatsache, daß die Armee 88 Offiziere und 193 Sanitätsoffiziere des israelitischen Glaubens zählt." — In dieser Zahl gehören wohl die meisten dem Beurlaubtenstande an. — In den letzten Jahren sollen aber auch in Bayern keine oder nur sehr