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Im deutschen Reich · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. 449

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
Date
1912-10-01
Page
449 (sequence 13)
Language
German
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Moritz Goldsterns „Deutsch-jüdischer Parnaß". 449 Oppenheimer tritt in aller Schärfe und mit schlagenden Gründen der Auffassung entgegen, osteuropäisches und westeuropäisches Judentum könne dieselbe Stellung zum Zionismus haben. „Wir sind sämtlich Kulturdeutsche, Kulturfranzosen, Kulturengländer usw., weil wir das Glück haben, Kulturgemeinschaften anzugehören, die in der ersten Nethe der Völker stehen, weil es uns eine Ehre ist, unsere weltberühmten Denker, Forscher, Künstler und Erfinder die unseren zu nennen. Wir können nicht Kulturjuden sein; denn die jüdische Kultur, wie sie in den Ghetti des Ostens aus dem Mittelalter herübergerettet worden ist, steht unendlich tief unter der neuzeitlichen Kultur, deren Träger unsere Völker sind. Wir können nicht rückwärts und wollen nicht rückwärts; wenn wir gebildeten Westeuropäer z. B. in uns h-ineinleuchten, so finden wir uns zu 93 o/o zusammengesetzt aus westeuropäischen Kulturelementen. Die Ostjuden aber können unmöglich Kulturrussen, Kulturrumänen, Kulturgalizier sein, so wenig wie König Karol oder Lärmen Sylva. Sie müssen K u l L u r j u d e n sein, so weit sie nicht durch eine iiberaus seltene Gunst der Erziehung bereits Kultureuropäer geworden sind — denn die mittelalterliche jüdische Kultur stcht gerade so hoch über der osteuropäischen Barbarei, wie sie tief unter der westeuropäischen Hochkultur steht. . . Die meisten von uns, die allermeisten nennen sich N a L i o n a l j u d e n auf Grund eines M i ß v e r - standnisses . . weil das Wort Nation der etymologischen Wurzel nach die Abstammung bezeichnete, nennen sie ihr Stammesbewußtsein — Nationalbewußtsein oder Volksbewußtsein. — — —:*) *) Das Stammesbewußtsein geht, nach der treffenden Charakteristik Oppenheimers, auf Vergangenes und ist überall da vorhanden, wo das Individuum das Bewußtsein hat, von einem Volkstum abzustammen, das dem VoFstum, dessen Bürger es zurzeit ist, an Ruhm und Adel mindestens gleich ist. So hat der voll eingebürgerte amerikanische, der seiner Herkunft stolz ist, deutsches Stammes-, aber amerikanisches Nationalbewußtsein; der der Berliner französischen Kolonie augehörige hohe Beamte oder Offizier, der sich seiner Abkunst von den Nesugies rühmt, hat französisches Stammes- und deutsches Volksbewußtsein. Das Volksbewnßtsein, das sich wieder in Nationalitätsbewußtsein und Kulturbewußtsein spalten kann, aber geht auf Gegenwärtiges: auf Gemeinsamkeit der Sprache, der Sitte, der Wirtschasts- und Rechtst) eziehungen usw. und der geistigen Kultur. Es stuft sich ähnlich wie das Nationalitätsbewußtsein, dem Grade der Intensität nach ab, nach der Freude und den Vorteilen, die der Einzelne von der Eingliederung in gerade dieses Volkstum hat.

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