Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 447 (sequence 11)
- Language
- German
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Moritz Goldsteins „Deutsch-jüdischer Parnaß^. 447 der jüdisch-nationalen nnd religiösen Orthodoxie angehören, aber er sagt wenig über die positiven Lebensmachte aus, die in der nichtzionistischen und nichtorthodoxen Iudenheit vorhanden sind, und die durchaus nicht mit politischem Liberalismus und religiösem Rationalismus zusammenfallen. Trotzdem glaube ich nicht an den liberalen Juden, der sich seines Europäertums rühmt und zu dem Moritz Goldstein sich mit den Worten herabläßt: „Edler Freund, den Juden zum Europäer zu wandeln, war freilich die Aufgabe — vor 150 Jahren . . . Wer aber heute immer noch nichts weiter von sich verlangt, als daß er sich des Europäertums bemächtige, ist, von vorgestern. Er steht noch immer an derselben Stelle, an der einst Moses Mendelssohn stand. Dem Freunde Lessings gereichte es zur Ehre, dies gewollt und durchgesetzt zu haben. Die kulturelle Gleichheit mit den andern mutzte freilich erreicht werden, sie lag auf unserm Wege. Sie ist aber erst der halbe Weg, sie stellt sich heraus als die Halbheit selbst, und sie ist jedenfalls etwas, was wir Juden so oder so überwinden müssen." Ich wußte noch nicht, daß Moses Mendelssohn den Ghettojuden zum Europäer wandeln wollte. Ich dachte bislang, er wollte den Ghettojuden zu einem Menschen erziehen, der Judentum, d. h. jüdische Religiosität und Sittenstrenge mit deutscher Bildung in sich vereinigt. Das Ideal des Europäertums lag noch gar nicht im Blickfelde des 18. Jahrhunderts. Dieses Ideal, das G. als „von vorgestern" bezeichnet, hat erst Nietzsche gegen den Nationalismus der 70 er und 80 er Jahre verkündet. Im übrigen aber: auf welche irgendwie gültigem: Aeußerungen deutscher liberaler Juden stützt sich eigentlich Moritz Goldstein, wenn er behauptet, der liberale Jude brüste sich seines Europäertums? Von Zunz, Jost, Geiger, Philippsohn, Joel, Steinthal, Lazarus usw. bis zu Hermann Cohen, Martin Philippsohn, Ludwig Geiger und den Begründern des B. B.- Ordens, des Centralvereins und der liberalen Vereinigung für die religiösen Interessen des Judentums wollen alle führenden Geister des liberalen Judentums Deutsche sein, lind sie wollen es nicht nur sein, sie sind es, ebenso wie es — wenn auch gegen seinen Willen — Moritz Goldstein selbst ist. Moritz Goldstein verlangt zwar, daß, wir nichts als Juden sein sollen und uns auf dem deutschen Parnaß, streng von den Deutschen scheiden. „Wenn wir Juden erst alle so weit sind, nichts anderes sein zu wollen als Juden, so wird vielleicht auch Europa dahin gelangen, uns für nichts zu nehmen als für Juden. . Ich frage: Wie sollen wir das anfangen, nichts weiter sein zu wollen als Juden? Sagt nicht Moritz Goldstein selbst: „Trotz Verfolgung, Verhöhnung, Mißachtung, ist das Judentum