Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 446 (sequence 10)
- Language
- German
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446 3m deutschen Reich. Der antisemitische wie der jüdische Nationalismus sind, wenigstens in ihren edleren Vertretern, beides Schößlinge der deutschen Romantik. Diese wollte mit bewußter Reflexion einen Zustand der Dinge wieder Herstellen, den sie ideal verklärte und als Voraussetzung großer Leistungen betrachtete. Sie glaubte, Jahrhunderte geschichtlichen Lebens, die Entwicklung vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, ungeschehen machen zu können. Sie wollte die mittelalterliche Art der Verbindung von Christentum und Deutschtum wiederherstellen, während die antisemitische Romantik der Gegenwart in ihren radikalsten Verkündern ein vorchristliches, von jüdischer Religiosität noch unberührtes Germanentum wiederherstellen möchte. In gleicher Weise glaubt unsere nationaljüdische Romantik, das deutsche Judentum wieder entdeutschen zu können. Solche Versuche werden nur in Zeiten des Epigonentums unternommen, die das Verständnis für das Irrationale schöpferischer Leistungen verloren haben, und von bewußter Reflexion das erwartet, was einst sich unbewußt vollzogen hat. Geschichtliche Lagen wiederholen sich aber nicht. Von der Geschichte gilt das Wort Heraklits: „Nicht wieder steigst du zum zweiten Male in denselben Fluß." Die schöpferischen Geister haben keine Rezepte, wie Geisteswerte hervorzubringen find — erst die Epigonen unterstellen ihren Leistungen allgemeine Regeln und Gesetze, von deren Befolgung sie in völliger Verkennung der unwieder^ holbaren Individualität alles Lebendigen das Heil erwarten. Ein törichtes Gerede ist die Phrase von der nationalen Eigenart) die sich „steigern, verinnerlichen, veredeln lasse", daß „sie zum Vorzug, zur Tugend werde". Entweder man hat nationale Eigenart, dann ist sie, wie die Unschuld, unbewußt, und offene bart sich ohne unser bewußtes Zutun; oder man hat sie nicht, und dann sind alle politischen und ästhetischen Programme, die mit ihr arbeiten wollen, sinnlos und nutzlos. Moritz Goldstein scheint nur zwei Arten von Juden zu kennen: den liberalen Juden, der nach ihm nur Europäer ist und sein will, und den zionistischen Juden, der nur Jude ist und auch nichts weiteres sein soll. Für den liberalen Juden hat Moritz Goldstein natürlich nur Ironie und Mitleid — er legt ihm die schalsten Worte in den Mund, um dann in hoheitsvoller Milde vom Standpunkte der „modernen Ideen" ihn zu belehren und zu korrigieren. Nun werfe ich mich durchaus nicht ohne weiteres zum Verteidiger des sogenannten liberalen Juden auf; ich empfinde diesen Begriff als Gnen der unzulänglichsten, den wir in unserer Parteisprache haben. Noch Ende vorigen Jahrhunderts war der Begriff „liberaler Jude" eindeutig und fest umschrieben. Heute bezeichnet er nur die Gesamtheit derjenigen Juden, die nicht