Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 445 (sequence 9)
- Language
- German
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Moritz Goldsterns Deutsch-)irdischer Parnaß". 445 sals eines Heine sich mit den so diel glücklicheren deutschen Dichtern zu messen"? Die wahrhaft Großen unter den deutschen Dichtern kannten nicht das Glück der Anerkennung. „Ein deutscher Dichter — ein deutscher Märtyrer", sagt Goethe. Die Resonanz der Massen bedeutet also in keiner Weise eine Vorbedingung der schöpferischen Leistung. Wenn aus dem Mangel dieser Resonanz heute gewisse Literaten und Grohstadtpoeten sich davon abhalten ließen, im deutschen Dichterwald ihre Stimme ertönen zu lassen, so würde das wahrhaftig dem Iudentum und der deutschen Literatur keinen Abbruch tun. Rach allem, was uns die Geschichte lehrt, würde auch, selbst wenn der zionistische Traum einer einstigen jüdischen Ratio nalkultur in Ersüllung gehen sollte, dem in hebräischer Sprache dichtenden Genius die Resonanz der Massen fehlen. Unverständnis, Aebelwollen und Mißgunst wird auch jenen jüdischen Zukunstsdichtern in keiner Weise erspart sein. — Moritz Goldstein glaubt, daß die Voraussetzung großen künstlerischen Schaffens der nationale Individualismus sei, dessen Forderung für die Juden lautet: „Für das Volk — den Zionismus, für die Kunst — Wiederbelebung hebräischer Sprache und Poesie." Worauf gründet sich eigentlich dieser Glaube, der uns aus der zionistischen Presse entgegentönt? Im 19. Jahrhundert ist ja der nationale Individualismus zur Ausprägung und zum schroffsten Ausdruck gekommen: wo aber sind die Weltdichter? Hat etwa Italien, 'das im 19. Jahrhundert den nationalen Befreiungskampf siegreich durchgekämpft hat, zum zweiten Male einen Dante hervorgebracht? — Oder Griechenland?- Wenn es ein Volk gibt, das gleich den Juden auf -Grund einer großen Kulturvergangenheit den Glauben an eine Zukunft künstlerischer Leistungen haben durfte, wenn nur erst die Voraussetzungen eines nationalen Individualismus — eigener Boden und Wiederbelebung der griechischen Sprache und Poesie — erfüllt wären, so sind es die Reuariechen. Diese Erfüllung ist da: aber welch klägliches Ergebnis hat sie zutage gefördert? lind wo sind denn die Weltdichter in Deutschland, seitdem der nationale Individualismus als Allerweltsheilmittel gepriesen wird? Wo in England und Frankreich? Für das künstlerische Schaffen des Altertums hat die moderne Idee vom nationalen Individualismus überhaupt keine Bedeutung gehabt. Goethe sah tiefer als Moritz Goldstein, wenn er über die künstlerischen Schöpfungen der Alten schrieb: „Die Menschen sind nur so lauge produktiv in Poesie und Kunst, als sie noch religiös sind, dann werden sie^loß nach ahmend und wiederholend, wie wir in bezug auf das Altertum, d e s s e n M o n umenteaUe® (a u b e n s - fadjen wäre n."