Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 444 (sequence 8)
- Language
- German
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444 Fm deutschen Reich. eitern sich in Not nnd Tod an den Weltdichtern des Alten Testaments erbauten und stärkten. — Wie aber bereits bemerkt, führt Moritz Goldstein den Mangel an genialen dichterischen Leistungen der heutigen Juden darauf zurück, daß, den großen jüdischen Persönlichkeiten die Resonanz der Massen fehlt. Die Resonanz soll die Voraussetzung großer dichterischer Schöpfungen sein. Diese Theorie läßt sich an der Hand der Geschichte nicht begründen. Die Tatsachen zeigen gerade das Gegenteil. Einsamkeit ist das Los der Großen. Von den Massen erfahren sie nur Unverständnis und Mißverständnis. Das aber gibt ihnen Größe, daß in ihrer Seele Ideale leben, die über den Horizont der Masse hinausgehen. Sie befinden sich in Gegensatz und Feindschaft zu der herrschenden Stimmung ihrer Zeit, aber ihr Daimonion verleiht ihnen die Kraft, auszuharren und ihr Zeitalter zu sich emporzuziehen. In denkwürdigen Worten hat Schiller dies im neunten Brief seiner Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen geschildert: „Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar ihr Günstling ist. . . . Wie verwahrt sich aber der Künstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, die ihn von allen Seiten umfangen? Wenn er ihr Arteil verachtet. Er blicke aufwärts nach seiner Würde und dem Gesetz, nicht niederwärts nach dem Glück und Bedürfnis." — And trifft das nicht die Großen und Größten unserer Literatur? Hat vielleicht Goethe die Resonanz der Massen gehabt, als er aus Italien zurückkehrte und zur Höhe seines Schaffens strebte? Der bekannte Goetheforscher Victor Hehn hat in einem Aufsatz „Goethe und das Publikum, eine Literaturgeschichte im kleinen" gezeigt, wie Goethe bis in sein hohes Alter hinein dem großen Publikum fremd war. And als einer der erstaunlichsten Belege dafür darf die Tatsache gelten, daß die erste Gesamtausgabe der Goethe'schen Werke aus Mangel an Käufern eingestampft werden mußte. Haben etwa Gosche und Schiller ihre Genien verfaßt, weil sie die Massen hinter sich hatten? Wer hat sich um Schopenhauer, wer sich um Nietzsche in der Zeit ihres Schaffens gekümmert? And wie stand es um Hölderlin? Nur die Dii minorum gentium können sich dieser Resonanz rühmen: die Iffland, die Kotzebue, die Sudermann, die Frenssen und Schmidtbonn — wie aber stehen heute noch die Massen einem Stefan George gegenüber, soweit sie überhaupt seinen Namen kennen? Sollte es wirklich so sein, daß der schöpferische Geist in dem inneren Drange seines Schaffens von dem Beifall und Widerhall der Massen abhängig ist? Dürste ihm wirklich, wenn er ein dichterischer Ärgerst ist, die Lust vergehen, „angesichts des Schick-