Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 443 (sequence 7)
- Language
- German
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Msvitz GoldsLeins „D^Lsch-jüdischrr 44s Volkes zutage fördert." Man sieht, Goethe kannte noch nicht das neue Evangelium der reinen, „rrationalen Eigentümlichkeit", mit der heute die Nationalisten so viel Unfug treiben. Aus dem oben geschilderten mißlichen Verhältnis des Juden zu seiner Umgebung glaubt nun Moritz Goldstein eine wichtige Tatsache herleiten zu können — und damit komme ich zu einem Hauptpunkte seiner Ausführungen. Die Zwiespältigkeiten, die Feindseligkeiten) unter denen der moderne Jude in Deutschland zur Zeit zu leiden hat, sollen es zur Folge haben, daß es unter den Juden so viele halbschlächtige Persönlichkeiten, so viele Geister, die bloß, die Dinge widerspiegeln, so viele Journalisten gibt. „Vielleicht haben die nicht ganz unrecht", meint Moritz Goldstein, „die uns das eigentlich Schöpferisch absprechen, vielleicht fehlt die ganz große Leistung — aber nicht, weil die großen Männer fehlen, sondern weil die Lebensbedingungen fehlen, unter denen allein die geniale Persönlichkeit, der produktive Charakter, möglich ist." Und welches sind diese Bedingungen?" „Ein Schaffender braucht die Resonanz der Massen; vielmehr das macht ihn zum Schaffenden, daß. die Stimmen der Zeit alle in seiner Seele tönen. Welch ein Mißklang in der Seele eines deutschen Juden!" Um es gleich zu sagen: Ich halte diese Deduktion für falsch. Soviel ist ja wohl richtig: Geistig feinfühlige Juden bedürfen einer besonderen Geistesstärke, wenn sie nicht innerlich Schiffbruch leiden wollen. Der Anpaßling, die Wetterfahne, der Halbschlächtige kommt leichter voran — wie übrigens auch in den anderen Bevölkerungsschichten. In der Literatur spielt dieser, des inneren Haltes beraubte Jude, der ganz Sensitivität oder ganz Intellekt ist, eine oftmals peinliche Rolle. Das, was den Juden in Zeiten schwerster Verfolgung die innere Lebenssicherheit und Lebensfreude gegeben hat, die Religion und die aus ihr fließenden sittlichen Kräfte, ist ihm verloren gegangen. Diese Art Juden bildet jetzt das Kontingent jener schwankenden, jeder .Modetorheit nachlaufenden, hypersensitiven und dekadenten Juden, wie sie Schnitzler geschildert hat. Entwurzelte „Skeptiker und Hektiker" des Geistes, die wir, noch in jüdischem und deutschem Geiste lebend, als ein Zerrbild des Juden empfinden. Aber wenn auch gewisse negative Züge des deutschen Juden aus der Zeitlage sich erklären, so ist damit noch nicht im geringsten die Frage beantwortet, weshalb wir gegenwärtig keine Leistungen von weltliterarischer Bedeutung aufzuweisen haben. Aber weshalb etwas nicht vorhanden ist — diese Frage laßt sich überhaupt nicht stellen, insonderheit nicht, wenn es sich um den Mangel genialer Leistungen auf einem bestimmten Gebiete handelt. Diesen Mangel als Rassendefekt auszudeuten, überlassen wir den pangermanischen Rassetheoretikern, deren Vor-