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Im deutschen Reich · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. 442

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
Date
1912-10-01
Page
442 (sequence 6)
Language
German
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442 Fm bmtföen Reich. ein ausgesprochener Atheist, dem jeder Sinn für die religiösen Werte verloren gegangen ist, ein Werk über Luther und die Reformation zu schreiben unternähme; ein solcher Jude steht außerhalb aller religiösen Kultur — der jüdischen sowohl wie der christlichen. Wer denkt sich in England etwas dabei, wenn ein religiöser Jude öffentlich ein christliches Thema behandelt? In der Iulinummer des „Hibbert Journal" steht die Ansprache abgedruckt, die Claude Montefiore auf der Konferenz der unitarischen und liberalen Kongregation in Birmingham gehalten hat. Das Thema lautete: „Die Bedeutung Jesu für sein eigenes Zeitalter." And meines Wissens hat es ihm niemand in England verdacht, daß er als Jude sogar einen Kommentar zu den Evangelien geschrieben hat. Was für ein Geschrei hätte sich in einer gewissen Presse beider Lager erhoben, wenn ein jüdischer Gelehrter in Deutschland derartiges gewagt hätte! In England aber wurde Claude Montefiore zur Abhaltung der berühmten Hibbert Lectures eingeladen: die größte Ehre, die einem englischen Gelehrten erwiesen werden kann. „Die Herren Poeten", schreibt Moritz Goldstern, „die sich als deutsche Dichter unter dem Weihnachtsbaum photographieren und veröffentlichen lassen — wir werden sie zwingen, sich als Juden zu bekennen oder sich äaufen zu lassen." Merkwürdig, wie das a la Bartels klingt! Ich lasse einmal die geschmacklose Sottise vom Weihnachtsbaum beiseite. Rur eingeschworene Antisemiten werden einen Auerbach oder einen Fulda nicht als deutschen Dichter anerkennen. Hat etwa Chamisso sich nicht als deutscher Dichter gefühlt? Browning, in dessen Adern auch deutsches und kreolisches Blut floß, wird als einer der größten englischen Dichter des neunzehnten Jahrhunderts gefeiert! Doch bleiben wir bei Auerbach. Wie ist er als deutscher Dichter gefeiert worden! Als aber dann die antisemitische Bewegung aufkam, hat man ihn einen Juden gescholten und ihn des Ruhmes, ein deutscher Dichterzu sein, berauben wollen. Auerbach hat stark darunter gelitten. Aber er hat als deutscher Jude männlich sein Schicksal getragen. Schließlich ist es doch nicht znm geringsten Teil die Sprache, die denj Dichter zum Deutschen, zum Franzosen macht. Goethe, der wohl auch etwas von diesen Dingen verstand, äußert sich hierüber: „Ich sehe so viele Jahre als Mitarbeilender zurück und beobachte, wie sich, wo nicht aus widerstreitenden doch heterogenen Elementen eine deutsche Literatur zusammenstellt, die eigentlich nur dadurch eins wird, daß sie in einer Sprache verfaßt ist, welche aus ganz verschiedenen Anlagen und Talenten, Sinnen und Sun,, Arterien und Beginnen nach und nach das Innere des

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