Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 441 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316826-2346454--22922-2346491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Moritz Goldsteins „Deutsch-jüdischer Parnaß. 441 bestehen sollen, und auch dann noch ist er nicht sicher vor einer abfälligen Bemerkung, die dem Juden gilt. Was sollen wir dagegen tun? Moritz Goldstern antwortet: Den Gegnern zuae-ben, daß wir keine Deutschen sind und uns als Nationaljuden bekennen, die auch wirklich kein Recht haben,, als Deutsche z. B. „Hauptmanns Christusroman" zu rezensieren oder über „Luther und die Reformation" zu arbeiten oder sich „als deutscher Dichter unter dem Weihnachtsbaum photographieren zu lassen". Halten wir hier einen Augenblick inne. Weil unsere Gegner uns als undeutsch verschreien, weil sie nicht anerkennen, daß wir Juden auf Grund einer tausendjährigen Kulturgemeinschaft als Deutsche zu gelten haben, deshalb sollen wir es ihnen zugeben, sollen wir feige und schWächlich vor ihren Angriffen zurückweichen und schließlich glauben, was sie behaupten? Der verhängnisvollste Sieg, den der Antisemitismus errungen hat, ist: das Eindringen seiner Ideen in den Gedankenkreis mancher deutschen Juden. Wie? Ich sollte zugeben, daß ich als Jude nicht zum deutschen Volke gehöre und daher auch nicht zu dem Publikum, für das Hauptmann seinen Christusroman geschrieben hat? Kann ein religiös gearteter Jude einen Christusroman nicht besser verstehen und nachempfinden als ein Freidenker aus christlichem Lager? Sb viel ich weiß, hat Hauptmann seinen Roman zuerst im Feuilleton des „Berliner Tageblattes" veröffentlicht, zu dessen Abonnenten wohl doch nicht ausschließlich christliche Leser zählen. Dieses Beispiel Moritz Goldsteins ist. auch sonst nicht glücklich gewählt. Der Hanptmann'sche Roman ist mehr ein in flach-rationalistischem Geiste gehaltenes Stück Religionspathologie als ein Werk, in dem spezifisch christliche Frömmigkeit geschildert werden soll. And wenn der Hauptmann'sche Christusroman nur für Christen geschrieben wäre, dann müßte Hebbel seine Judith oder Otto Ludwig seine Makkabäer oder Händel seinen Judas Makkabäns nur für Juden geschaffen haben. Ich darf es wohl dem Leser überlassen, die Konsequenzen weiterznspinnen. Moritz Goldstern ist empört über die „Herren Literaturhistoriker", die, ohne sich jemals etwas dabei zu denken, über Luther und die Reformation arbeiten. Weshalb sollte ein deutscher Jude, der mit den Mitteln historischer Forschung ausgerüstet ist, und auch das nötige religiöse Verständnis besitzt, nicht auch über Luther und Die Reformation arbeiten dürfen? Die Resormation ist kein Ereignis von konventikelhaster Bedeutung, sondern geht uns an als Deutsche, als Europäer, und lost not leaLt auch als Juden, sofern wir religions- und kulturgeschichtlich interessiert sind und uns die Bibel noch etwas bedeutet. Freilich wäre es seltsam, wenn