Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
- Date
- 1912-10-01
- Page
- 440 (sequence 4)
- Language
- German
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440 Im deutschen Reich. Fälschungen und Ungerechtigkeiten treibt, und der mit diesen gewissenlos die öffentliche Meinung vergiftet, den. nennt Moritz Goldstein „wahrheitsliebend" und zählt ihn zu den „besten Geistern"! Da hätte er beispielsweise von.der Kölnischen Volkszeitung lernen können, wie man diesen „Zaunkönig dilettantischer Halbbildung"^) zu behandeln hat! Und er hätte auch wissen müssen, wie man außerhalb der antisemitischen und halbantisemitischen Tages- und Monatsblätter in den Kreisen der wissenschaftlichen Anthropologie diesen zu den „besten Geistern zählenden", „wahrheitsliebenden" Mann beurteilt. Es scheint nun aber in Wirklichkeit seltsam zu stehen mit der untrüglichen Empfindung, welche Leistungen deutscher Juden bestimmt und unfehlbar als undeutsch und asiatisch erkennt. Es scheint, als ob sich das Urteil mehr an den jüdischen Namen als an die Sache knüpft. Wo nämlich der Name nicht den Juden direkt erkennen läßt, da kann man des öfteren bemerken, daß man die Leistungen eines Juden als echt deutsch und alsBereicherung deutschen Geistes begrüßt. Aus der großen Anzahl von Beispielen, die ich kenne, hebe ich nur drei hervor: Messel wird in der Deutschen Geschichte von Einhardt als deutscher Baumeister gepriesen. Als Karl Wolfskeh! eine künstlerisch vollendete Uebertragung alter germanischer Texte vor einigen Jahren herausgab, da feierte ihn der „Hammer" in den überschwenglichsten Wendungen: Nur ein germanischer Künstler, in dem die feinsten Regungen der deutschen Seele lebendig seien, habe dieses Meisterwerk hervorbringen können. Und als vor Jahresfrist das Buch von Gundolf, „Shakespeare und der deutsche Geist", erschien, brachte die „Deutsche Tageszeitung" ein Feuilleton, in dem es u. a. hieß: „Ein reiner geschichtlicher Geist weht durch das Ganze, eine Liese, demütige Ehrfurcht vor allem Großen und Schönen, ein seltener Adel der Gesinnung, Aristokratie der Seele und des Verstandes. Wir haben wieder ein Meisterwerk deutschen Geistes erhalten." . . . „Ich wüßte kaum ein Werk ber Gegenwart, neben das es gestellt werden könnte: es steht stets darüber. Und weil es kühn und tapfer ist, wird es auch umstritten werden: dieser Streit aber wird dem deutschen Geiste dienen." (1. Juli 1911.) Trotz alledem: der deutsche produktive Jude befindet sich in einer peinlichen Lage. Er muß Doppeltes und Dreifaches leisten, wenn seine Leistungen vor der judenfeindlichen Oeffentlichkeit *) Dr. Hans Henning: Goethe und die Fachphilosophie, p. 15/16°. Verlag von Carl Vongard, Straßburg 1912.