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Im deutschen Reich · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. 438

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Moritz Goldsteins "Deutsch-jüdischer Parnaß"
Date
1912-10-01
Page
438 (sequence 2)
Language
German
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438 gm deutschen NeLK. §in* und hergezerrt von den widerstreitendften Empfindungen, fühlt sich als Ewig-Halber in einer Lage, deren Tragik er in bewegter Sprache zu schildern weiß. Hätte Moritz Goldstein mit seinen Ausführungen nichts weiter geben wollen als ein persönliches Bekenntnis, als ein document humain, niemand hätte etwas dagegen einzuwenden gehabt. Aber sein Artikel soll der Ausgangspunkt einer Erörterung sein, die im Titel nur ein artistisches Thema anzudeuten scheint, tatsächlich aber ohne weiteres in die letzten Kulturfrageu des deutschen Judentums übergreift und nicht nur übergreift, sondern auch eingreift, Entscheidungen fällt und ganzen Dichtungen des deutschen Judentums kühn, das Arteil spricht. Wenn ich es deshalb unternehme, einigen seiner Behauptungen entgegenzutreten, so bedeutet das noch nicht, daß ich für die Tragik seiner Lage nicht „den Takt und das Verständnis besitze", was er freilich in liebenswürdiger Einschätzung des nichtzionistischen Judentums nur unter Nationaljuden und Zionisten voraussetzen zu dürfen glaubt. Es handelt sich für mich um die Feststellung, wie weit sein Gedankengang den Tatsachen und der Logik gerecht wird. „Die gefährlichsten Anwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt." Für dieses Wort Lichtenbergs bietet der Kunstwart- Aufsatz viele Beispiele. Daß die Juden als Schaffende und Genießende einen bedeutenden Anteil an der deutschen Kultur der Gegenwart haben, steht außer Frage. Das ist aber etwas ganz anderes als die Behauptung von Moritz Goldstein: Wir Juden verwalten den geistigen Besitz des deutschen Volkes. Dieser „mäßigen" Entstellung ist man gewöhnt, sonst bei Antisemiten zu begegnen. Ferner: Daß die deutsche Literaturwissenschaft auch von Juden gepflegt, unter diesen hervorragende Vertreter hat, ist wiederum eine Tatsache, die uns und der deutschen Literaturwissenschaft angesichts solcher Namen wie Bielschowsky, Gundolf u. a. zur Ehre gereicht. Aber zu behaupten: „Eine ganz neue Erscheinung ist, daß; die deutsche Literaturwissenschaft im Begriff scheint, in jüdische Hände überzugehen", das ist wiederum eine den Antisemiten nachgesprochene „mäßig entstellte Wahrheit". And im Geiste des Antisemitismus empfunden ist auch folgender Satz: „Es ist, je nach dem Standpunkt, komisch oder tragisch, die Mitglieder der „germanischen" Seminare unserer Aniversitäten zu überblicken" — ich meine, es ist ebenso komisch oder tragisch, je nach dem Standpunkt des Antisemitismus oder des Nationaljudentums, die Mitglieder der Seminare für alttestamentliche Theologie zu überblicken. Moritz Goldstern behauptet dann weiter in mäßiger Entftellung einer Wahrheit: „Die Juden merken nichts von der Nolle, die sie im deutschen Kulturleben spielen und wachen

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