Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Zur Jahrhundertwende des Emanzipationsedikts
- Date
- 1912-09-01
- Page
- 403 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316825-2346372--22864-2346413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bur Jahrhundertwende des Emanzipationsedikts. 403 muten kann. Ich bin weit entfernt, denjenigen zu tadeln, der sich zu diesem Schritt entschließt; ich kann sogar die Stärke eines Patriotismus und eines Familiensinns bewundern, welche ein persönlich moralisches Martyrium auf sich nimmt, um die Kluft zwischen deutschen Staatsbürgern, jüdischer und deutscher Abkunft tilgen zu helfen und für die Rachkommen die Schranke konfessioneller VerschiedLnheit niederzureißen. Auerbach macht darauf aufmerksam, daß diese von Hartmann und früher schon von andern empfohlene politische Auffassung des Aebertritts zum Christentum von Gabriel Riesser in den 30 er Jahren, als der Iesuitismus der Aufklärung bezeichnet wurde. Ich glaube, man tut den Jesuiten Unrecht, wenn man eine solche Handlungsweise als Iesuitismus bezeichnet, wenn man ihnen ansinnt, daß sie den, der durch Anwahrheit sich Vorteile erkauft, als Märtyrer des Patriotismus und des Familiensinns bewundern. Auf dem Marktplatze zu Bozen steht im Angesichte der herrlichsten Gottesnatur ein Denkmal mit einem Relief für Peter von der Mahr, von dem gesagt ist, daß er sich habe hinrichten lassen, weil er es abgelehnt habe, sein Leben und seine Freiheit durch eine Lüge zu erkaufen, die ihm von dem französischen Obersten nahegelegt war. So dachte ein Tiroler Bauer über Lüge und Treulosigkeit. Und wie ein Jude darüber denkt, mag uns Riesser sagen, der allerdings Eduard von Hartmanns Schriften noch nicht gekannt hat. „Das Vaterland kann und darf und mag", so sagt der Jude Riesser, „von uns alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist, willig werden wir ihm alles opfern, nur Glaube und Treue, Wahrheit und Ehre nicht, denn Deutschlands Helden und Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." Wer, wie Eduard von Hartmann, uns das anstnnt, wer kein Verständnis hat, daß Patriotismus und Familiensinn vor allererst Treue verlangen, und daß es nichts Höheres gibt auf der Welt als Treue und Wahrhaftigkeit, der hat das Recht verwirkt, an jüdischer Gesittung und Eigenart Kritik zu üben. 3. Zum Glück hat sich die geistige Strömung gewandelt. Dre Schlagworte „Assimilation" und „Verschmelzung^, „rückhaltloses, restloses Aufgehen" haben ihre Werbekrast verloren, Aebertritt und'Taufe sind wieder als Fahnenflucht und Treulosigkeit gebrandmarkt. Die heutige Welt weiß,, daß man Treue nicht um Treue brechen darf und nicht zu brechen braucht, ha% man dem Staate geben kann, was des Staates ist und doch Gott geben kann, was Gottes ist, daß, die Rechte und Pflichten des Staatsbürgers unabhängig sein sollen von Glaube und Religion, daß, es vielleicht nur eine Taufe gibt, welche die Rationalität