Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Zur Jahrhundertwende des Emanzipationsedikts
- Date
- 1912-09-01
- Page
- 399 (sequence 11)
- Language
- German
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Zur Jahrhundertwende des Lmanzipationsedikts. 399 Von Christen und Juden, oder richtiger, da es bloße Christen nicht gibt, da man von den historischen Erscheinungsformen des Christentums in seinen verschiedenen konfessionellen Ausgestaltungen gar nicht absehen kann, ein Gemisch von Katholiken, Protestanten,, Juden, Dissidenten, Baptisten, Mennoniten und Mitgliedern anderer Religionssekten. Wenn von Treitschke dem Volke also eine christliche Religion gibt, so sieht er einmal von den historischen Erscheinungsformen des Christentums in seinen verschiedenen konfessionellen Ausgestaltungen ab. Er macht das Volk zum christlichen, obwohl es bloße Christen nicht gibt. Dann aber kann man die Konfession eines Volkes nicht nach der absoluten oder relativen Majorität der Volksgenossen bestimmen. Wenn v. Treitschke sagt, daß das Judentum nicht so deutsch ist wie das Christentum, das Christentum deutscher als das Judentum, so versündigt er sich an den Gesetzen der Logik. Was er. sagt, sind ' Begriffe, die für den schlichten Menschenverstand unfaßbar sind. Sind etwa die Christen in Frankreich französischer, in England englischer und in der Türkei türkischer als die Juden, und wie sind sie in den völkergemischten Staaten, in der Schweiz und in Oesterreich? Ist dort das Christentum schweizerischer und österreichischer? Will v. Treitschke sagen, daß. es ein Vorrecht der Christen sei, vaterländischer zu sein als die Juden, so würde er sich an der Wahrheit versündigen, denn das Judentum gebietet seinen Bekennern, den König zu lieben und zu segnen, das Vaterland zu ehren und ihm in Treue anzuhängen. Daßj es auf der Welt nichts unchristlicheres als den christlicher: Staat gibt, haben nicht Juden, sondern überzeugte Christen gesagt. Wenn v. Treitschke sagt, daß, die Deutschen an der Entwicklung des Judentums keinen Anteil genommen haben, so ist das unrichtig. Ansere jüdischen Theologen und Religionsphilosophen sind von deutschem Geist und deutscher Kultur nicht unbeeinflußt geblieben. Wenn v. Treitschke meint, daß die Ideen des Judentums auf den Staat und die Gesittung keinen Einfluß, geübt haben und die Einschränkung macht, soweit sie nicht in das Christentum übergegangen sind, so versündigt er sich au der Gerechtigkeit. Seine Beweisführung ist unehrlich-, weil sie die Kernfrage umgeht, ob nicht die Ideen, die in das Christentum übergegangen sind, die unzerstörbaren, wesentlichen Grundfogen der heutigen Gesittung und Kultur sind, und weil doch noch zu erweisen ist, ob die Ideen, die die Eigenart der jüdischen Religion gegenüber der christlichen ausmachen, insbesondere hie Idee der Versöhnung, der' allzeit reinen Menschenseele, die aus sich heraus der Gottesgnade teilhaftig wird, minderwertig sind gegenüber der Idee der Erbsünde und der Gottesmittlerschaft, und ob die jüdischen Grundsätze, die in das