Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Zur Jahrhundertwende des Emanzipationsedikts
- Date
- 1912-09-01
- Page
- 398 (sequence 10)
- Language
- German
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398 Im deutschen Reich. 1. von Treitschke sagt: „Die Juden sind dem neuen Deutschland Dank schuldig für das Werk der Befreiung, denn die Teilnahme an der Leitung des Staates ist keineswegs ein natürliches Recht aller Einwohner, sondern jeder Staat entscheidet darüber nach freiem Ermessen. Ich bin kein Anhänger der Lehre vom christlichen StaaL„aberganz unzweifelhaft sind wir Deutschenein christliches Volk. Das Judentum dagegen ist die Rationalreligion eines ursprünglich fremden Stammes, seinem Wesen nach mehr zur Abwehr als zur Bekehrung geeignet und darum auch wesentlich auf die Stammesgenossen beschränkt. An seiner Entwicklung nähme:: die Deutschen durch die Jahrhunderte gar keinen Anteil. Seine Ideen, soweit sie nicht in das Christentum übergegangen sind, übten auf unseren Staat, unsere Gesinnung, unsere Gesittung, gar keinen Einfluß. Wer angesichts dieser offenkundigen Tatsache behauptet, daß. das Judentum in demselben Sinne deutsch sei, wie das Christentum, der versündigt sich an der Herrlichkeit der deutschen Geschichte." v. Lreitschkes Schriften beruhen auf dem Grundgedanken: Die Juden sind unser Anglück; eine völlig befriedigende Lösung der Frage sei ausgeschlossen; eine Versöhnung sei nur zu erhoffen durch den Entschluß der Juden, in Deutschland rückhaltlos Deutsche Zu sein und Toleranz gegen christlichen Glauben und gegen die Sitten und Gefühle des deutschen Volkes zu üben. Was ist dazu zu sagen? In der Form unterscheidet sich dieser Antisemitismus des Katheders von dem Antisemitismus der Gasse und der Gosse. „Die Juden sind unser Anglück" ist besser gesagt, als „Juden raus." Aber in der S a che selbst ist der Antisemitismus im wissenschaftlichen Gewände widerwärtiger und perfider, als der Antisemitismus des Pöbels. Man zergliedere nur die Phrase dieses Leutschen Wortführers. v. Treitschke sagt, die Lehre vom christlichen Staat sei nicht richtig, aber das d e u t s ch e Volk sei ch r i st l i ch. Dias Judentum sei nicht so deutsch wie das Christentum, die Juden sollten für die Befreiung dankbar sein und rückhaltslos Deutsche werden. Welche Begriffsverwirrung! Ist bei uns der Begriff des christlichen Staates unhaltbar, so ist die Idee des christlichen Volkes erst recht falsch. Ist die Staatskonfession kein Grund zur Rechtsverkümmerung, so ist es die Volkskonfession erst recht nicht. Eine Volkskonfession gibt es nicht, bei uns am allerwenigsten. Anser Volk ist viel weniger. eine Einheit als der Staat, und ist der Konsessionalisierung noch viel weniger fähig als der Staat. Das Volk ist ein Gemisch von Individuen