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Im deutschen Reich · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. 391

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Zur Jahrhundertwende des Emanzipationsedikts
Date
1912-09-01
Page
391 (sequence 3)
Language
German
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Zur Jahrhundertwende des EmanzipaLionsedikts. 391 von dem Abt Gregoire gesagt wurde, ist allerdings in seiner einfachen Wahrheit und Klarheit nicht wieder übertroffen worden und kann nicht übertroffen werden, solange die Gesetze unseres Denkens dieselben bleiben. . . Die große Iudenfrage, sagt Gregoire, läuft am Ende darauf hinaus, zu wissen, daß die Juden Menschen sind." 3. Kehren wir zu unserm Vaterlande zurück. Hundert Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Kurbrandenburg entschloß sich der Große Kurfürst, 50 jüdische, aus Oesterreich vertriebene Familien in sein Land aufzunehmen. Die Aufnahme war nicht unentgeltlich und nicht endgültig. Jede Familie hatte jährlich ein Schutzgeld von 8 Talern und für jede Heirat einen Goldgulden zu letfien. Das Privileg wurde nur auf 20 Jahre gegeben. Dem offenen Blick des Staatsmannes, den bei der Aufnahme der Juden wohl mehr das Staatsinteresse als die Gefühle der Menschheit leiteten, der in der Vorurteilslosigkeit einer großzügigen Natur es verstand, sich von engen konfessionellen Schranken zu befreien, entsprach ein strenger Gerechtigkeitssinn, der alle Anfeindungen zum Schweigen brachte und mit strengem Befehl die Juden in ihren Privilegien schützte. Ämter seinem Nachfolger wurde das Schutzgeld erhöht, durch die solidarische Haftbarkeit der Iudenschaft schwer verschärft, der Leibzoll eingeführt, aber das Privilegium wurde nicht aufgekündigt, wenn auch betont wurde, daß. das Recht, die Juden zu vertreiben, aus Gnade nicht ausgeübt werde. -So verlockend es ist, Ihnen aus jener Zeit ein Bild zu geben, so möchte ich Ihnen doch empfehlen, das lieber in L u d w i g G e i g e r s G e s ch i ch t e d e r I u d e n i n B e r l i n nachzulesen. Sie werden dort vieles finden, das die Träne des Lachens und der Wehmut auslöst. Mich hat am meisten interessiert der unaufhaltsam fortschreitende Zug der Assimilation, der plastisch aus einigen kleinen Zügen hervortritt. Schon im Jahre 1697 wird berichtet, daß zwei Juden und ein Christ gemeinsam gestohlen haben und insgesamt gehängt wurden, der Christ apart am Christengalgen, die Juden gemeinsam am Iudrngalgen auf dem' Neuenmarkt. Heiterer ist ein anderes Bild völliger Egalisierung. Zwei Juden, werden ins Gefängnis gesteckt — warum? weil sie sich „schändlich besoffen und geprügelt" haben. Leider verschweigt die Chronik die Namen dieser wackeren Assimilanten. Friedrich Wilhelm I. hat, wie die meisten seiner Zeitgenossen kein Verständnis für das Judentum und seine Daseinsberechtigung. Er begriff nicht, wie sie noch immer auf den Messias warten konnten und beschied sich bei der Antwort, daß sie auf diesem ihrem Unglauben verharrten aus Lust am Gewinn.

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