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Im deutschen Reich · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. 390

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Zur Jahrhundertwende des Emanzipationsedikts
Date
1912-09-01
Page
390 (sequence 2)
Language
German
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390 Im deutschen Reich. zn sagen, daß in Preußen vor dem 11.' März 1812 das Mittelalter nicht geendet, die Neuzeit nicht begonnen hat. Denn solange die Menschenrechte nicht für Alle anerkannt sind, solange sich der Gedanke noch nicht durchgerungen hat, daß eine Freiheit uns alle freimacht, daß jeder, der im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, ein gleiches Recht auf Anerkennung seines Menschentums hat, solange ist die Neuzeit noch nicht da. Wie dem auch sei, wie hoch man für die Kulturentwicklung der Gesamtmenschheit das Edikt bewerten mag, für uns jüdische Preußen ist sie die magna, Charta libertatum, die Erlösung, zum mindesten die theoretische, aus jahrhundertelanger Aechtung und Entrechtung, die Proklamierung unseres Menschenrechts, und das rechtfertigt es, ba% wir die Jahrhundertwende des Edikts mit einem Säkularkommerse feierlich begehen. 2. Es ist nicht ohne Interesse, zu sehen, wie das Edikt geschichtlich geworden ist. Leider kann ich bei der Fülle von Gedanken, die der Blick auf die Gegenwart und der Ausblick in die Zukunft auslöst, dem Rückblick auf die Vergangenheit nur geringe Zeit gönnen. Ich kann das um so eher, als die Broschüre, die der Centralverein hat erscheinen lassen, näheren Aufschluß gibt. Ich möchte vor allem der noch viel verbreiteten, früher auch von mir geteilten Auffassung entgegentreten, als ob das Edikt, wie Pallas Athene, aus des Vaters Haupt entsprungen ist, als ob die Emanzipation nur oder vorwiegend der Konsequenzmacherei und Prinzipienreiterei der französischen Revolutionsmänner zu danken ist, welche die Proklamierung der Menschenrechte als ihre Aufgabe erachteten. Schon lange vor der Revolution ist der Leibzoll in Frankreich, beseitigt (1774). Von der Königlichen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft zu Metz ist schon im Jahre 1785 ein Preisausschreiben erlassen, ob es ein Mittel gäbe, die Juden in Frankreich nützlicher und glücklicher zu machen, ein Preisausschreiben, das sieben Bearbeitungen, darunter die des Abt Gregoire, gefunden hat. Eine Spezialkommission wurde eingesetzt, die unter Vorsitz von Walesherbes die Stellung der Juden erörterte. In unserer Zeitschrift von 1902 ist ein kleiner, sehr lesenswerter Aufsatz von Fuld erschienen, der an der Hand des Brunschen Geschichtswerkes zu dem Ergebnis gelangt, daß ohne den Ausbruch der Revolution die Juden wahrscheinlich früher in den Besitz ihres Menschenrechts gelangt wären, daß übrigens nicht ein öder Gleichheitsfanatismus und eine dogmatische Prinzipienreiterei in revolutionärem Tempo, sondern eine Schritt für Schritt sorgfältig überlegende, reale Würdigung der gegebenen Verhältnisse die Nationalversammlung dazu bestimmt hat, am 27. September 1791 alle Juden als Vollbürger zum Bürgerrechte zuzulassen. Was damals, vor mehr als 1O0 Jahren,

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