Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / S.
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 363 (sequence 3)
- Language
- German
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V ereinsnachrichtSN. 363 Lrums an antisemitischen Hetzreden nicht fehlte, beweist folgender Vorfall: Im Wahlkreis Neustadt a.d. Hardt hielt Or. Wolf aus Maikammer — ein Mann in leitender Stellung innerhalb der Zentrumspartei seines Wahlkreises — in einer Zentrumsversammlung eine Rede, die von antisemitischen Ausfällen nur so strotzte. So gestattete er sich unter anderem bei der Behandlung der Erbschaftssteuer folgende Bemerkungen: „Wenn so ein alter gelber, krummbeiniger Iud auf dem Sterbebette liegt, so laßt er seine Söhne zu sich kommen und sagt: Ich hinterlasse euch 5 Millionen. 1 Million nehmt als Erbteil und die anderen vier schafft ins Ausland, damit ihr solche nicht zu besteuern braucht und betrügt den Staat mit der Erbschaftssteuer. So wäre es, meine Herren, mit der Erbschaftssteuer geworden. Diese Spitzbuben wären frei ausgegangen, und ihr Bauern mit eurem Grund und Boden hättet sie bezahlen müssen." Er lieg es an saftigen Schimpfworten, wie „schuftiger Iud" usw. nicht fehlen. Nach jeder Beleidigung bemerkte er „entschuldigend", daß er nicht die orthodoxen, sondern die Schweinefleisch ftessenden Freisinnsjüden, mit denen Korell verkehre, meine. Mit Entsetzen gingen die auswärtigen Versammlungsbesucher vor Schluß des Vortrages aus dem Saal, und nicht nur die wenigen anwesenden Juden, sondern namentlich die Christen waren empört über den Ton, der gegen die Juden angeschlagen wurde. Unsere Ortsgruppe in Neustadt machte energisch gegen I)r. Wolf Front. Der Ausschuß, stellte ihn zur Rede, und die Folge war, daß Dr. Wolf eine Erklärung abgab, in welcher er seine beleidigenden Aeußerungen sehr bedauerte, um so mehr, als er dem Antisemitismus fernstehe und ihn verurteile. — Wie ist dann sein Verhalten zu erklären? — Vor einiger Zeit erschien in der antisemitischen „Thüringer Landeszeitung" eine Notiz, in welcher die Schuld an dem sog. Automobilboykott über das Herzogtum Gotha in lächerlichster Weise „jüdischen B a n k d i r e k - Loren" in die Schuhe geschoben wurde. Eine Anftage an den Allgemeinen deutschen Automobilklub ergab, daß diese Behauptung, wie vorauszusehen war, völlig aus der Luft gegriffen ist. — In der Aprilnummer des Jahrgangs 1910 unserer Zeitschrift haben wir ein Schreiben veröffentlicht, das der Direktor der Freien Schulgemeinde W ick erst) o r f b e i Saalfeld, Herr Dr. Wyneken, einem jüdischen Vater in Berlin gesandt hat, in dem er aussprach, er könne Schüler jüdischer Abstammung nur in beschränktem Maße aufnehmen, da nach seinen Erfahrungen bei größerer Zahl jüdischer Schüler Absonderungen und Gegensätze einträten, die das Schulleben und die Kamerädschaftlichkeit in hohem Maße erschwerten. Dies natürlich besonders, „wenn der betreffende jüdische Knabe Eigenschaften