Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 352 (sequence 6)
- Language
- German
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352 Im deutschen Reich. kann leicht widerlegt werden, da bisher Dutzenden von Sanitätsoffizieren niemals ein Makel daraus gemacht wurde, daß sie sich im Zivilverhältnis mit Stottererbehandlung befassen. Ob dabei für getaufte und für ungetanste Menschenkinder derselbe Kodex gilt, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls haben die deutschen Juden allen Grund, ihre Vaterlandstreue in Wort und Tat zu bewähren, sich immer fester zur Verteidigung ihrer bedrohten Rechte nach zwei Fronten hin zusammenzuschließen gegen religiösen und gegen Rassenfanatismus. Je entschlossener wir gegen Angriffe auf unsere Religion und Beschimpfungen unserer Abstammung zusammenstehen, desto eher wird man unfern gerechten Forderungen Rechnung tragen. In den OsLnrarken hat die seit Jahren von alldeutschen Beamten ungünstig beeinflußte Ansiedlungspolitik den polnischen Grundbesitz zwar etwas geschmälert, aber im Werte enorm gesteigert. Sie hat massenhaft treue deutsche Bürger jüdischen Glaubens gezwungen, ihre Wohnsitze zu verlegen und den Polen das Feld zu räumen. Der Landwirtschaftsminister v. Schorlemer hat im preußischen Abgeordnetenhause erörtert, was er auf die Frage der Polen, wie sie es den Preußen recht machen könnten, zu antworten hätte. Die Polen werden diese Frage kaum stellen; denn sie haben bereits in dem Antisemitismus das Mittel gefunden, aus der von den Alldeutschen geschaffenen Lage den größten Vorteil zu ziehen. Aber die von dem Minister aufgeworfene Doktorfrage hat für uns Juden Bedeutung. Der Minister hat wörtlich gesagt: „Wenn ich von den Polen gefragt werden sollte, wie sie es denn den Preußen recht machen könnten, so kann ich sie nur auf die Masuren, auf die Wenden und Wallonen verweisen, die ebenfalls zum Teil an der Grenze wohnen, sich der Sprache der Nachbarländer bedienen und doch gute Preußen und Deutsche sind und sich wohlfühlen unter preußischem Schutz und preußischer Herrschaft. Sie werden weder in ihrer Religion noch in ihrer Sprache verfolgt oder beeinträchtigt, weil an ihrer loyalen, patriotischen Haltung nicht gezweifelt wird und die Regierung überzeugt ist, daß die Sprache hier nichts weiter bedeutet als die Anhänglichkeit an Heimat, Familie und Vergangenheit, aber nicht ist eine Verneinung der Staatszngehörigkeit." Was der Minister den Masuren, den Wenden und Wallonen nachrühmt, das ist ebenso, und zwar in noch viel höherem Grade den p r e u ß i s ch e n Juden zuzuerkennen, an deren patriotischer Haltung nur die zweifeln, welche die Juden nicht kennen oder nichtkennen wollen, weil der Antisemitismus