Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Offener Brief des Kreisrabb. Dr. Beermann-Insterburg an Prof. Niebergall-Heidelberg
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 342 (sequence 4)
- Language
- German
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342 Im deutschen Neich. triumphierende Macht einer Seele, die in Gott wurzelt, aufs herrlichste gezeigt. Ieremia wurde an den Pranger gestellt, seine Seele hielt an Gott, er schmachtete im Kerker, sein Auge suchte ihn, er litt Schmach und Hohn, sein Inneres sah seinen Helfer, er sank in die Schlammgrube, sein Herz fühlte seines Gottes Nähe, er starb schließlich unter den Steinwürfen der Seinen auf fremdem Boden. Was Wunder, daß dieses unvergleichliche Duldertum, das durch alle Leiden nur immer näher an Gott herangebracht ward, den Späteren zum Symbol jener erlösenden Liebe ward, die sich in Selbstverleugnung für die andern hinopsert! Zugegeben, was die Evangelien von Jesus berichten, sei geschichtliche Wahrheit, ich sehe nicht, worin des Ieremia Duldergröße und sein unvergleichlich großartiger Gebetsverkehr mit seinem Gotte weniger „geistiges Persönlichkeitsleben" Mitteilen kann als der Wandel Jesu! Daß Ieremia ein Pfadfinder zu Gott geworden, daß die von ihm erlebte persönliche Stellung der Seele zu ihrem Gotte in Israel nicht wieder verloren gegangen ist, das beweist Psalm 23, der vom guten Hirten und treuen Wirte singt, Psalm 27, der im Herrn Licht und Heil findet, Psalm 42, wo die Seele nach Gott lechzt, wie die Gazelle nach dem Wasserquell, Psalm 63, dem Gottes Gnade wertvoller ist als das ganze Leben, Psalm 73, der, wenn er Gott hat, nichts fragt nach Himmel und Erde, Psalm 84, 4, der so selig und glücklich ist, wenn er nur Gott nahe weiß: Wie der Vogel sein Haus findet und der Sperling sich ein Nest baut, wo er seine Jungen birgt — sind mir Deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott! Nnd nun gar die stille Ergebung des 131. Psalms: O, Herr, nicht ist stolz mein Herz, nicht trage ich hoch meine Blicke. Niemals will ich trachten nach Dingen, die für mich zu groß und mächtig sind. — Still mache ich in mir meine Seele und ruhig, wie ein entwöhntes Kind still ruht bei seiner Mutter, ja so ist in mir die Seele ... — Dem Einwand, das liege alles bei Israels Propheten beschränkt in nationalen Banden, begegne ich ganz kurz an dieser Stelle mit dem Hinweis, daß, zwei prophetische Schriften lediglich die eine große Tendenz haben, Gott als den Vater aller Menschen aufzuzeigen, ich meine das Buch Jona und die Nuthgeschichte. Beide predigen: auch die Heiden sind Kinder Gottes. Das Nuthbüchlein schildert, wie eine edle Heidin, ein Vorbild an Liebe und Güte, die Stammutter des Messias wird, und die Erzählung von Jona will dartun, daß auch die Heiden den Weg zum verzeihenden Gotte finden. Doch komme ich aus die universelle Seite des Judentums noch in anderm Zusammenhang zu sprechen.