Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Offener Brief des Kreisrabb. Dr. Beermann-Insterburg an Prof. Niebergall-Heidelberg
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
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340 Im deutschen Reich. Debatte einbeziehen, wie wenig Gesichertes über Jesu Lehre und Leben vorhanden ist, sondern ich will mich beschränken, lediglich Ihren obigen Vorwurf gegen das Judentum zu widerlegen, das nach Ihrer Meinung das von Jesus gebrachte „geistige Persönlichkeitsleben" nicht erreicht hat. Wenn ich mir diesen wenig scharf umrissenen und ziemlich unbestimmten Ausdruck, den Sie für die Heraushebung dessen, was Ihnen der Vorzug des Christentums vor dem Iudentume ist, gewählt haben, nach seinem Amfange umgrenze und mit seinem Inhalte ausfülle, so kann in ihm, so weit ich sehe, nur ein Dreifaches beschlossen sein, was auch die evangelische Theologie als Kern und Stern von Jesus erlebter Frömmigkeit geflissentlich betont: 1. Jesus hat die Gottesgemeinschaft im Amgange mit seinem himmlischen Vater reicher und klarer erfahren als die früheren Gottsucher. 2. Jesus stellt reinere Forderungen der Nächstenliebe und Sittlichkeit als seine prophetischen Vorgänger. 3. Seine Gottesreichshoffnung ist voller und höher als die Zukunftserwartungen der ihm vorangegangenen Seher und Sänger seines Volkes. Ich versuche nun in bündiger Kürze den Nachweis, daß in alledem, was hier als Jesus eigentümlich für ihn in Anspruch genommen ist, das Judentum lange vor ihm Herzstücke feiltet Gtaubenslebens und Hauptwerte seiner Frömmigkeit erblickt hat, und zwar werde ich nur Stellen aus dem Schrifttum der Bibel anführen, das Jesus sicher gekannt hat: Pentateuch, Prophetenlanon, Psalmen, und zweitens nur solche Argumente beibringen, bei denen Religion nicht bloß, trockene Lehre und Theorie ist, sondern das geistige Persönlichkeitsleben, das Hineinstrahlen Gottes in die Menschenseele hindurchleuchtet. I, ' Es muß bereits lange vor Ieremia, also mindestens 600 Jahre vor Jesus, zum altüberlieferten Frömmigkeitsgut in Israel gehört haben, Gott im Gebetsverkehr „mein Vater" zu nennen, Ier. 3,4. In der Tat ist denn auch längst vor Ieremia den ' Propheten geläufig, Gott als den Vater und Israel als die Kinder zu bezeichnen, Ies. 2, 2: Kinder habe ich groß gezogen und heranwachsen lassen, sie aber empörten sich wider mich. Deut. 14,1: Kinder seid ihr dem Ewigen, Eurem Gotte, und in den liturgischen Formeln am Ende des babylonischen Exils begegnen uns wiederholt Wendungen wie Ies. 63, 16 und 64,7: Du Ewiger bist unser Vater, unser Erlöser von Ewigkeit. Daß dieses Vaterschaftsverhältnis in voller Herzlichkeit erfaßt und erfahren wurde, beweist Deut. 6,4: Du sollst lieben den Ewigen,