Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 332 (sequence 16)
- Language
- German
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332 Im deutschen Reich. in unseren Tagen eine große Rolle; aber ihr charakterbildender Wert ist darum recht gering, weil sie nur die schulentwachsene Jugend umfaßt, bei der die Bahn der künftigen Anschauungen bereits festgelegt ist. Die in dieser Hinsicht nützliche Jugendpflege muß viel früher einsetzen, und das kann nur geschehen durch Beeinflussung des Hauses, das ja das Gemüts- und Geistesleben des Kindes allein schafft und nötigenfalls zu ändern vermag. Der Geist der Schule und des nur wenige Stunden umfassenden Religionsunterrichts kann nicht stark genug wirken, wenn durch einen entgegengesetzten Geist im Hause, das ohnehin in der Schule häufig weniger eine Erziehungsanstalt als ein amtlich abgestempeltesWissenschaftsverLriebsunLernehmen und eine Examinierungsstelle erblickt, zunichte gemacht wird. Die Schule aKetu kann nicht nachhaltig zu Mäßigkeit, Bescheidenheit^ Selbstlosigkeit und den anderen erforderlichen Eharaktereigenschasten erziehen. Das vermag nur das Haus, und dieses zu beeinflussen, ist das Geheimnis des Erfolges im Kamps gegen die fallende Tendenz unserer inneren Entwicklung. Ls gilt darum, die Lrziehungsprobleme im Programm unserer Organisation zu vertiefen, unsere erwachsenen Mitglieder bewußt mit dem Gedanken zu erfüllen, daß die Eentralvereins-Ideen schon bei der Erziehung des Kindes berücksichtigt werden müssen. Hm es kraß auszudrückeN) muß der Geist des Centralvereins — nicht der politische, sondern der charakterbildende — in die jüdische Kinder st u b e dringen! Ohne daß sie dazu beiträgt, durch Beeinflussung des jüdischen Hauses in der jüdischen Jugend alte Tugenden in neuem Gewände zu erwecken, ist die innere-Centralvereinstätigkeit vergänglich und schafft nicht für die Zukunft! Erweckung des Selbstbewußtseins, Kampf gegen den Abfall, Iugendvereinsbewegung u. a. m. sind doch letzten Grundes nur Aushilfsmittel, auf die darum soviel Mühe und Pflege gewandt werden müssen, weil dir große Masse in ihrer Jugend eine verständige Erziehung zum Willen und zum Idealismus nicht genossen hat. And in dem Augenblick, da wirklich die alten Ideale in der Charakterbildung der jüdischen Jugend eine Rolle spielen, ist die innere Centralvereinsarbeit überflüssig. Sie muß darum vertieft werden, um sichselbst enLb eh rlich zu machen! Es gilt zwar heute als unmodern und rückständig, in den Fragen jüdischer Entwicklung Optimist zu sein, und eine gewisse Skepsis in bezug auf den reformierenden und erzieherischen Wert von Bereinsstatuten ist sogar nicht unberechtigt. Die bisherigen inneren Erfolge unserer Centralvereinsarbeit lassen uns aber hoffen und geben uns das Selbstvertrauen, daß noch viel erreicht werden kann, wenn als Lehre der Eman-