Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 331 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316824-2346189--22733-2346289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum. Reaktionserscheinungen eines Nebermaßes an Freiheitsgelüsten, einer gewissen Zügellosigkeit, und das Judentum macht von dieser Regel keine Ausnahme. So kommt es nur darauf an, der ungebändigten Kraft das Sprunghafte, das Pendeln zwischen Extremen und den dadurch bedingten Wechsel zwischen übermäßigem Optimismus auf der einen und dem schnellen Nachlassen, der plötzlichen Hoffnungslosigkeit auf der anderen zu nehmen und sie auf die Bahnen einer ruhigen und langsamen Entwicklung, die dann eine Vorwärtsbewegung ist, zu führen. Das ist ein Ziel, das durch beharrliche Erziehungsarbeit erreichbar ist, und somit bedeuten die entschieden wahrnehmbaren Spuren geistigen Rückgangs keine Todesprognose, sondern sie sind nur eine ernste Mahnung, jenen Programmpunkt unseres Eentralvereins, der „E i n k e h r" heißt, nach jeder Richtung hin weit schärfer zu betonen als bisher, und den positiv erzieherischen Charakter unserer großen Vereinigung in den Vordergrund unserer Arbeit zu st e l l e n. Wie ein Pendel, mag es anfangs noch so heftig ausschlagen, schließlich doch zur Ruhe kommt, so vollzieht sich auch die endgültige Anpassung eines Volksteils an veränderte politische und wirtschaftliche Verhältnisse für jeden Fall allmählich ganz von selber. Freilich kann dies in einem längeren oder kürzeren Zeiträume geschehen, und Aufgabe einer ernsten Erziehungsarbeit muß es sein, ihn nach Möglichkeit zu verringern, da die aus der fehlenden, sicheren Einpassung sich ergebenden Erscheinungen dem Judentum an Ansehen und vor allem an Kraft tagtäglich gewaltigen Schaden zufügen. Nicht um irgendein Aufgeben von jüdischen Werten handelt es sich dabei, nicht um eine Preisgabe von wertvollem jüdischem Wesen, sondern das Erreichen dieser seelischen Gleichgewichtslage würde den Ausdruck der wirklich vollendeten, inneren Emanzipation darstellen, einer Emanzipation, die dem deutschen Judentum inmitten all der günstigen und der verderblichen Kultur erscheinungen, die es umgeben, an denen es schafft, mit denen es verwachsen ist, eine ruhige, feste und zielbewußte Stellung verschafft, eine Emanzipation, die in ihm vor allem den Wunsch erweckt, kritisch jene Kräfte zu betrachten und zu würdigen, die den Aufstieg zur geistigen und wirtschaftlichen Höhe verursacht hat, und für die Faktoren, die unwiederbringlich dahin sind, einen Ersatz zu suchen! Die alten Grundsätze in einer der Zeit entsprechenden Form bei der jüdischen Jugenderziehung mehr zur Geltung zu bringen, ist dabei die wichtigste Arbeit. Die Jugendpflege und vor allem die Iu g e n d v e rei n sb ew egung spielt ja