Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 327 (sequence 11)
- Language
- German
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327 Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum. auch die daraus entspringenden Geisteskräfte schwinden mußten und tatsächlich auch geschwunden sind. Denn wenn es auch im Lmanzipationsjahrhundert gewiß an Unrecht und Unterdrückungen nicht gefehlt hat, so waren sie zunächst mehr v o litis ch e r als wirtschaftlicher Natur, so daß sie im wesentlichen das Ehrgefühl, weniger die Erwerbstriebe beeinflußten. In den geistigen Kräften, die das Zeitalter vor der Emanzipation im Juden geschaffen hatte, liegt die Quelle des Wirtschaftlichen Aufschwungs im vergangenen Jahrhundert, und seine Mitwirkung besteht darin, daß es den Gaben und Fähigkeiten das Betätigungsgebiet eröffnete. Wenn aber die Voraussetzungen und Ursachen dieser geistigen Aeöerlegenheit nicht mehr vorhanden sind, so muß unsere Zeit, je weiter diese Tendenzen fortschreiten, immer mehr die Fähigkeit verlieren, die Heranwachsende Jugend so heranzuziehen, daß sie für den schweren Kampf des Lebens mit dem nötigen Rüstzeug an Geist, Charakter und Widerstandskraft versehen ist und konkurrenzfähig bleibt. Tatsächlich ist denn auch die jüdische Jugenderziehung von heute, der die Impulse früherer Zeiten fehlen, in vielen Fällen von diesen Gesichtspunkten aus verkehrt und unzulänglich, und aus dem einen Extrem der äußersten Mäßigkeit, der Bescheidenheit und des Druckes ist man in das andere einer allzu großen, einer gefährlichen und unangebrachten Freiheit verfallen. Die wirtschaftliche Lage der heutigen Juden ermöglicht es, daß manches jüdische Kind im Wohlleben heranwächst, die Rot nicht kennen lernt, und gleichsam, als wollte man es für die rauhe Jugend der Väter entschädigen, wird es in zuvielen Fällen nach Kräften verweichlicht und verwöhnt. Jeden Wunsch des Kindes zu erfüllen, jeden rauhen Luftzug der Welt von ihm fernzuhalten, ist ein überaus falsches „Erziehungs- Prinzip"; den Nachwuchs nicht den Verhältnissen der Eltern entsprechend zu erziehen, ein nicht selten sich findender Fehler, der besonders in der mangelhaften Möglichkeit der Heiratsversorgnng jüdischer Mädchen zum Ausdruck kommt und ein soziales Unglück zu bedeuten beginnt. Daß einer nach solchen Grundsätzen geleiteten Erziehung die Heranbildung lebenstüchtiger und konkurrenzfähiger Menschen in vielen Fällen nicht gelingen wird, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Verschärfend kommt noch hinzu die erschreckend geringe Anzahl jüdischer Kinder. Das Zweikindersystem, wenn nicht schon ein ^Einkindshstem" auf dem siegreichen Vormarsche ist, bedeutet nicht nur zahlenmäßig, was durch Theilhabers Veröffentlichung in den Vordergrund des Interesses gerückt ist, sondern auch innerlich die Tragödie des deutschen Judentums von heute. Wie vielen dieser verhätschelten und verwöhnten