Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 326 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316824-2346189--22728-2346284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
326 Fm deutschen Reich. sein wird. Die Erziehungsgrundsätze, durch die eine in falsche Bahnen geleitete jüdische Elternliebe die Kinder heranbildet, sind durchaus geeignet, Charaktere zu schaffen, die das genaue Gegenteil zu dem Durchschnitt früherer Zeiten darstellen. Mit dieser Grundlage zur geistigen Fähigkeit ist auch das Studium geschwunden, das dem Geiste Logik und Schärfe gab. Talmudstudium ist naturgemäß, heute in Deutschland fast zu einer Fachwissenschaft für Theologen geworden, als Nebenbeschäftigung, zur geistigen Erholung, zur Anregung wird es — abgesehen von verschwindend wenigen Ausnahmefällen — nicht mehr betrieben, und an seine Stelle ist nichts getreten; höchstens wird ein Teil der früher auf den Talmud verwendeten Erholungszeit aus die körperliche Aebung verwendet, und wenn auch sicherlich der gesunde Körper eine selbstverständliche Voraussetzung für einen scharfen und klaren Geist darstellt, so kann dieser Ersatz doch kein vollständiger sein. Die durch das Studium erworbenen Fähigkeiten müssen mit ihrer Grundlage, auf der sie ruhen, schwinden. Schon heute in Vollkraft lebende und wirkende Geschlecht war kein Talmudjudentum mehr, aber es ist von Männern erzogen worden, die noch Lief darin steckten, deren Erziehungsprinzipien und Denkmethode noch an den alten Idealen sich gebildet hatten, so daß seine Wirksamkeit in seinen letzten schwachen Ausläufern noch wahrnehmbar ist. Das kommende Geschlecht wird von diesem Erbe nichts mehr haben. Auch der letzte Lrziehungsfaktor ist zum Teil geschwunden: die Bedrückung! Das kann und darf man nicht bedauern; denn dem Kampfe gegen Anrecht und Druck gelten jedes wahrhaft Sittlichen und so auch unsere besten Kräfte. Wenn zuweilen von jüdischer Seite gerade auf die ungünstigen Folgen der Aufhebung aller Rechtsbeschränkungen hingewiesen wird, wenn sogar gesagt worden ist, daß der Druck ein Lebenselement des Judentums sei, außerhalb dessen es aus die Dauer sich nicht lebenskräftig erhalten könne, so kann man nicht scharf genug dieser sittlich verwerflichen Anschauung entgegentreten, und mit dem vollen Bewußtsein seiner Tragweite darf man den Satz aussprechen, daß ein Judentum, welches ohne Bedrückung nicht b e - stehen kann, wert ist, daß es zugrunde gehe! In manchem Schutthaufen steckt aber ein Körnchen Gold und in jedem Anglück irgend etwas Gutes. So hat auch die sonst überaus traurige GheLLozeit manche Seiten des jüdischen Charakters und Geistes, gerade jene, von denen bisher die Rede war, in wunderbarer Weise gefördert. And wenn auch kein vernünftiger und aufrechter Mensch um dieses erzieherischen Vorteils willen die GheLLozeit wieder herbeisehnen wird, so erfordert doch die historische Gerechtigkeit, daß wir daraus Hinweisen, wie mit dem Aushören des Ghettos und seines Druckes