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Im deutschen Reich · 1912-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1912) · p. 325

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1912)
Article
Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
Date
1912-07-01
Page
325 (sequence 9)
Language
German
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Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum. 3^5 liche Folgeerscheinung der bis dahin üblichen IudenpoliLik, die den jüdischen Geist — freilich wider Willen — schärfer, ausdauernder und lebenstüchtiger gestaltet hatte als den anderer Bevölkerungskreise. Dieses Erbe der Väter nahmen die preußischen Juden mit hinein in die neue Zeit. Aber die Emanzipation, die das Judentum aus dem Ghetto befreite und den andersgläubigen Bürgern näher brachte, die wirtschaftlich wenigstens alle Beschränkungen aufhob, wirkte ganz mechanisch der übergroßen Konkurrenzfähigkeit der Juden vermindernd entgegen, indem sie auch mit einem Schlage viele der Quellen der geistigen lieber legen heit verstopfte, llnb so konnte wohl ihre Wirkung bei den ersten Geschlechtern noch stark hervortreten, mußte aber dann immer schwächer werden. Hätte das Judentum die alten Fähigkeiten in derselben Stärke behalten wollen, so hätte ein Ersatz geschaffen werden müssen für dasjenige, was die Emanzipation hatte aufhören machen, und es liegt ein gewisser tragischer Konflikt darin, wenn das Emanzipationsjahrhundert, das dem Juden so unendlich Erhabenes, Freiheit, Leben und Menschenwürde gebracht hat, von dem Erbe der Väter immer nur gezehrt, ja es aufgezehrt hat, ohne an die Zukunft zu denken und für sie Vorsorge zu treffen. Die Quellen der geistigen Kraft unserer Väter sind wirklich geschwunden. Ohne daß wir der religiösen Seite der Frage kritisch nähertreten, ist ganz objektiv festzustellen, daß. seit dem Aushören des Ghettos in bezug auf Mäßigkeit, Anspruchslosigkeit und Nüchternheit die Verhältnisse unter den Juden sich ganz erheblich geäntK-t haben. Bei dem Anschluß an die Umgebung haben die Anschauungen über Vergnügen, Erholung und sonstige Verwendung der freien Zeit eine durchaus andere Richtung erhalten, und die im engen Familienleben liegenden Antriebe zu den oben erwähnten Tugenden haben mit der unwillkürlich eingetretenen Lockerung viel von ihrer Kraft verloren. Nein statistisch steht es fest, daß bei einem sehr großen Prozentsatz der deutschen Juden das religiöse Gebot nicht mehr die Kraft besitzt, sie auf den alten Wegen der Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit durch das Leben zu führen. Das dokumentiert sich nicht nur in her durchschnittlichen Lebenshaltung, deren Höhe allgemein anerkannt ist, die aber schließlich ebenso wie der steigende Luxus u. a. m. ein sehr subjektives Moment darstellt, sondern es tritt auch in einem Falle zahlenmäßig erfaßbar in der Kriminalstatistik zutage. Die typischen Zeugen schwindender Nüchternheit, die Noheitsdelikte, zeigen bei den Juden eine ständige Tendenz zur Zunahme. Am deutlichsten erkennt man das Fehlen der alten Vorzüge in der Erziehung des jetzt Heranwachsenden Geschlechts, wovon noch später genauer die Rede

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