Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 324 (sequence 8)
- Language
- German
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324 Im deutschen Reich. sprechung erblüht. Der Anterschied ist nur der, daß bei den Juden durch die von der Religion gebotene und geförderte große Verbreitung des Talmudstudiums der breite Mittelstand die logische Schulung und damit Denkvermögen und Konkurrenzfähigkeit erhielt, wohingegen heute diese Art des Denkens nur die erlesensten Köpfe des Richterstandes auszeichnet. Eine weitere Quelle der jüdischen Begabung lag in jener Kraft, die beim Juden das Böse wollte und das Gute schuf, in jener unendlichen Reihe von Bedrückungen, mit denen man seit der Zeit der alten Pharaonen immer wieder die Erfahrung machen mußte, daß sie ihren Zweck, die Vernichtung der Iudenheit, nicht erreichten, sondern im Gegenteil den Lebensgeist und den Selbsterhaltungstrieb weckten und Kräfte von einer nie geahnten Stärke und Zähigkeit zur wirksamen Entfaltung brachten. In der Rot und der Entbehrung entwickeln sich ja allgemein die Tugenden, und die Bedrückung schafft Helden und Charaktere. Für den Juden aber scheint dieser Satz, und mehr noch seine 'Umkehrung, daß im Wohlleben Kraft und geistige Stärke schwinden, eine ganz besondere Bedeutung zu haben. Wer das gequälte Leben des mittelalterlichen Juden kennt, begreift, welchen Grad von geistiger Regsamkeit es erwecken mußte. Ständig auf der Hut, ständig gezwungen zu sein, sein Bestes herzugeben, um konkurrenzfähig bleiben zu können, immerwährend genötigt zu sein vor allem anderen, die unerschwinglich hohen Lasten aufzubringen, die den Christen nicht drückten, das bedeutete für den Juden eine Schulung, die Geist und Willen in gleicher Weise zu den denkbar höchsten Leistungen erzog. Dazu schuf noch das Zusammendrängen auf dem Gebiete des Handels auch innerhalb der Gemeinschaft eine scharfe Konkurrenz, welche die Züge des geschilderten Bildes noch prägnanter machte. So erhielt der jüdische Geist die Energie, die ausdauernde Zähigkeit in der Verfolgung der Ziele, Eigenschaften freilich, die vor der Zeit der Emanzipation keine Gelegenheit zu wirklicher Betätigung hatten, die sich in kleinen und kleinlichen Aufgaben verzehren mußten. And als die Schranken fielen, war es ganz natürlich, drß die künstlich geförderte und geschaffene Geistesveranlagung, sobald sie sich auf das Wirtschaftsgebiet stürzte, Hervorragendes leisten mußte. Man halte alles zusammen: die Bescheidenheit und Mäßigkeit in der Lebensführung, den durch das Talmudstudium geschärften Geist, den durch die Bedrückung zum äußersten gesteigerten Willen, unb' man wird verstehen, ein wie glänzend vorbereitetes Material die Emanzipation von 1812 dem deutschen Wirtschaftsleben zuführte. Der wirtschaftliche Aufschwung des Judentums im verflossenen Iah r h u n d e r t i st eine s e l ö st v e r st ä n d