Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 323 (sequence 7)
- Language
- German
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Reichtum und Geisteskraft im deutschen Judentum. 323 Judentum — zumal des Mittelalters — kannte kein Laster und keine Ausschreitung, welche den Körper zur Hülle eines gesunden Geistes untauglich gemacht hätte, und wenn die Ghetto- Periode auf die Haltung des Körpers und seine Pflege wie in Lausenden von anderen Beziehungen alles andere eher als günstige Wirkungen ausübte, der geistigen Entwicklung hat sie in ihrer abschließenden Tendenz und der damit verbundenen intensiven Wirkungsmöglichkeit der Religion genützt. Der Jude, den auf der einen Seite seine Religion, auf der anderen der Ausschluß seitens der Umgebung veranlaßte, von den oft recht zweifelhaft wirkenden Vergnügungen und Erholungsarten abzusehen, denen sich die anderen Hingaben, war geradezu gezwungen, seine Welt in der Beschäftigung mit geistigen Dingen zu finden. Er verschwendete seine freie Zeit nicht, er behielt einen klaren, nüchternen Kopf, und so waren alle Vorbedingungen erfüllt, um ihm einen geweckten und scharfen Geist zu schaffen. Für die spezielle Heranbildung geistig strebsamer und bedeutender Köpfe wurde von besonderer Bedeutung das Gebiet des Wissens, dem die durch die Religionsvorschriften so vorbereiteten Juden sich zuwandten: der Talmud und seine Welt. Das Studium des Talmuds, die Durcharbeitung des jüdischen Gesetzesstoffes mit allen seinen Einzelfällen, seinen Kombinationen und Eventualitäten war eine Schule des Geistes, wie man sie sich besser nicht Vörstetten konnte. Weniger wichtig war in dieser Hinsicht dabei der spezielle Stoff als die Methode! Der Stoff gehörte Welten an, die sich oft in die Sphären längst vergangener Geschichte und der Unwirklichkeit verloren, sachlich war er oft für das praktische Leben wertlos, aber methodisch lehrte er den jüdischen Geist streng logisch und scharf zu denken, genau und umfassend zu überlegen, alle Rebenumstände gewissenhaft in Erwägung zu ziehen, um dann ruhig und sicher eine Entscheidung zu treffen. Selbstverständlich mußte diese Schulung für das Wirtschaftsleben einen unendlichen Vorteil verleihen; der so vorgebilvete Kaufmann war weit konkurrenzfähiger als sein Berufsgenosse, dem sie fehlte. Oft hält man zwar die so entstandene „spitzfindige" Art des Denkens für etwas Minderwertiges, man hat sogar darin eine verwerfliche Seite des „jüdischen" Geistes erblicken wollen. Und doch geschieht das sehr mit Unrecht; denn diese Form geistiger Betätigung ist für die realen Lebensverhältnisse absolut notwendig und findet sich auch überall dort, wo unbedingte Klarheit herrschen muß. Deutsche Reichsgerichtsurteile sind nicht weniger formal und spitz als der Talmud, öfters sogar in noch höherem Grade, und eine logische Perversität wie der Begriff des „Versuchs mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt" ist nicht auf dem Boden des Talmuds, sondern auf dem deutscher Recht-